Ratgeber › Lernen und Hausaufgaben
Wie lange sollte man am Tag lernen?
Deine Freundin sagt, sie lernt jeden Tag drei Stunden. Dein Vater sagt, er habe früher jeden Nachmittag am Schreibtisch gesessen. Die Nachhilfelehrerin sagt, zwei Stunden müssten es schon sein, und im Internet steht, dass erfolgreiche Schüler vier Stunden lernen. Du schaffst an guten Tagen eine Stunde, und selbst die fühlt sich nach dreißig Minuten an wie Kaugummi. Und du fragst dich, ob die alle lügen oder ob mit dir etwas nicht stimmt.
Die kurze Antwort: Die Zahl, nach der du suchst, gibt es nicht, und die Frage ist falsch gestellt. Es kommt nicht darauf an, wie lange du am Schreibtisch sitzt, sondern was in dieser Zeit passiert, und drei Stunden Lesen sind weniger wert als vierzig Minuten Abfragen. Was die Forschung dazu sagt, ist überraschend eindeutig: Bei Hausaufgaben steigt der Nutzen bis etwa einer Stunde täglich in der Mittelstufe und etwa anderthalb bis zwei Stunden in der Oberstufe und fällt dann ab. Konzentriertes Lernen hält bei fast allen 25 bis 45 Minuten am Stück, dann braucht es eine Pause, und mehr als drei bis vier solcher Blöcke an einem Tag bringen fast nichts mehr. Und was täglich kurz passiert, schlägt das, was einmal die Woche lang passiert. Woher diese Zahlen kommen, wie das je nach Klasse und Ziel aussieht, wie du merkst, dass es zu wenig oder zu viel ist, und wie ein Tag aussieht, an dem die Zeit stimmt, erklärt dieser Text.
Was die Forschung sagt
Harris Cooper von der Duke University hat 2006 die Forschung zu Hausaufgaben und Lernzeit ausgewertet, über hundert Studien, und das Ergebnis ist eine Kurve, keine Zahl. In der Grundschule hängen Lernzeit und Leistung kaum zusammen; was dort zählt, ist Lesen und das Gefühl, dass Lernen zum Tag gehört. In der Mittelstufe steigt die Leistung mit der Lernzeit bis etwa einer Stunde am Tag und flacht dann ab. In der Oberstufe steigt sie bis etwa anderthalb, höchstens zwei Stunden, und darüber geht es wieder bergab, weil die zusätzlichen Stunden auf Kosten von Schlaf, Bewegung und Konzentration gehen. Das gilt für Hausaufgaben und Lernen zusammen, nicht zusätzlich. Die Zahlen in den deutschen Hausaufgabenerlassen, etwa die Richtwerte in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, liegen genau in diesem Bereich; was dort steht, ist im Ratgeber Wie lange dürfen Hausaufgaben dauern? erklärt.
Die zweite Grenze ist die Konzentration. Nach 25 bis 45 Minuten konzentrierter Arbeit lässt die Aufnahme bei fast allen nach, nicht wegen Faulheit, sondern weil das Arbeitsgedächtnis Erholung braucht; was danach kommt, fühlt sich wie Lernen an und ist es kaum noch. Deshalb sind drei Stunden am Stück nicht drei Stunden Lernen, sondern vierzig Minuten Lernen und zwei Stunden zwanzig Minuten müde dasitzen. Wie Pausen und Handy damit zusammenhängen, steht im Ratgeber Warum kann ich mich nicht konzentrieren?.
Und die dritte Erkenntnis, die wichtigste: Verteilt schlägt gebündelt. Vier Tage je dreißig Minuten bringen mehr als ein Tag mit zwei Stunden, und das nicht ein bisschen, sondern deutlich, weil das Gehirn beim Wiederholen nach einer Pause neu abrufen muss, und das Abrufen ist das Lernen. Die Frage "wie lange am Tag" hat also eine zweite Hälfte, die wichtiger ist: an wie vielen Tagen.
Was das für dich heißt, nach Klasse und Ziel
In Klasse 5 bis 7 reicht an normalen Tagen das, was die Hausaufgaben brauchen, dazu zehn Minuten Vokabeln und, in der Woche vor einer Arbeit, zwei bis drei Einheiten von zwanzig bis dreißig Minuten. Mehr ist nicht besser, und ein Nachmittag am Schreibtisch ist in diesem Alter eher ein Zeichen, dass das Lernen nicht funktioniert, als dass es fleißig ist. In Klasse 8 bis 10 wird es eine Stunde an Schultagen, verteilt auf Hausaufgaben und eine Lerneinheit, und vor Arbeiten zwei Einheiten; am Wochenende ein Tag frei, der andere mit einer Einheit. In der Oberstufe anderthalb bis zwei Stunden, in zwei bis drei Blöcken, und in der Abiturvorbereitung mehr, aber auch dort nicht mehr als vier Blöcke, weil der fünfte nichts mehr bringt. Das sind Richtwerte für den Durchschnitt, und du bist nicht der Durchschnitt: Wer in einem Fach Lücken hat, braucht dort mehr, wer in einem anderen sicher ist, dort fast nichts.
Die bessere Frage als "wie lange" ist deshalb "was muss am Ende da sein". Wer das weiß, lernt, bis es da ist, und hört dann auf, und das kann nach zwanzig Minuten sein oder nach siebzig. Wie man das plant, mit Aufgaben statt Stunden, steht im Ratgeber Lernplan erstellen, der hält.
Woran du merkst, dass es zu wenig ist
Nicht an der Uhr, sondern an drei Dingen: Du schreibst in einem Fach seit zwei Arbeiten schlechter als vorher. Du sitzt im Unterricht und verstehst, was die Lehrkraft sagt, aber in der Arbeit ist es weg. Oder du lernst am Abend vor der Arbeit zum ersten Mal den Stoff von vier Wochen. Jedes davon heißt nicht "mehr Stunden", sondern "früher anfangen und öfter", also die zehn Minuten am Tag nach der Stunde, in denen du abfragst, was heute dran war. Das sind in der Woche fünfzig Minuten, die mehr bringen als die zwei Stunden am Abend davor.
Woran du merkst, dass es zu viel ist
Das kommt seltener vor, als Eltern denken, und öfter, als Schüler zugeben. Die Zeichen: Du lernst mehr als zwei Stunden am Tag und die Noten werden nicht besser. Du schläfst unter acht Stunden, weil der Abend fürs Lernen draufgeht. Du hast kein Hobby mehr, keinen Sport, keinen Nachmittag ohne Buch. Du sitzt am Schreibtisch, aber der Kopf ist müde, und du liest Seiten dreimal. Dann ist das Problem nicht die Menge, sondern die Methode, denn wer drei Stunden liest und markiert, lernt in diesen drei Stunden weniger als jemand, der vierzig Minuten abfragt, und wer das nicht weiß, hält mehr Stunden für die Lösung. Lies in dem Fall den Ratgeber Wie lerne ich richtig? Was die Forschung weiß und halbiere die Zeit. Und schlaf; die Nacht ist die Lerneinheit, die nicht ausfallen darf, weil in ihr gespeichert wird, was am Tag gelernt wurde.
Wenn mehrere Arbeiten in einer Woche liegen
Die Wochen, in denen drei Arbeiten zusammenkommen, sind die, in denen die Zahl kippt, und hier gilt eine andere Regel als sonst: nicht länger am Tag, sondern früher in der Woche. Wer am Montag weiß, dass Mittwoch Mathe, Donnerstag Englisch und Freitag Bio ist, verteilt ab dem Wochenende davor je Fach einen Block pro Tag, dreimal 25 Minuten, und keinen davon länger. Das sind anderthalb Stunden, und sie sind die Obergrenze, die sich lohnt. Wer stattdessen am Dienstagabend vier Stunden Mathe macht und am Mittwochabend vier Stunden Englisch, lernt in jeder dieser Stunden weniger, schläft schlechter und schreibt am Donnerstag müde. Wie viele Arbeiten eine Schule überhaupt in eine Woche legen darf, steht in den Regeln der Länder, und wenn es mehr sind, lohnt sich ein Blick darauf.
Ein Tag, an dem die Zeit stimmt
Klasse 9, Dienstag, Englischarbeit am Freitag. Nach der Schule Essen, dann Hausaufgaben, dreißig Minuten, weil sie ein Ende haben. Pause, Handy, Sport. Um fünf der erste Block: 25 Minuten, Vokabelkarten Fach eins und zwei, laut, bevor du umdrehst. Fünf Minuten Pause, ohne Handy. Zweiter Block: 25 Minuten, die Grammatik der Unit, zehn Aufgaben aus dem Kopf, dann vergleichen. Fertig um sechs. Das sind eine Stunde Hausaufgaben plus Lernen, verteilt auf drei Blöcke, und sie reichen, weil am Mittwoch und Donnerstag dasselbe kommt. Wer am Donnerstagabend drei Stunden sitzt, hat genau dieselbe Zeit investiert und behält die Hälfte.
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