Ratgeber › Lernen und Hausaufgaben

Wie lerne ich richtig? Was die Forschung weiß

Du hast am Sonntag vier Stunden gelernt. Du hast das Kapitel dreimal gelesen, die wichtigen Sätze gelb markiert und alles noch einmal sauber abgeschrieben. Es fühlte sich gut an, am Ende kanntest du jede Seite. Am Dienstag lag die Arbeit vor dir, und die Seiten waren weg. Nicht ganz, du wusstest, dass auf der rechten Seite unten etwas über die Französische Revolution stand, aber nicht mehr, was. Und du hast dich gefragt, ob du einfach dumm bist, weil vier Stunden doch reichen müssten.

Die kurze Antwort: Du bist nicht dumm, du hast nur so gelernt, wie es sich am besten anfühlt, und das ist fast genau das Gegenteil von dem, was funktioniert. Lesen, Markieren und Abschreiben erzeugen das Gefühl, etwas zu können, weil der Text vertraut wird; die Forschung nennt das Vertrautheitsillusion. Was wirklich im Kopf bleibt, entsteht durch drei Dinge, die sich alle schlechter anfühlen: sich selbst abfragen, statt zu lesen; das Lernen über mehrere Tage verteilen, statt an einem; und Themen mischen, statt eines nach dem anderen durchzuziehen. Dazu kommt Schlaf, der kein Luxus ist, sondern der Moment, in dem das Gelernte gespeichert wird. Warum das so ist, woher man es weiß und wie du es ab morgen umsetzt, ohne mehr Zeit zu brauchen als bisher, erklärt dieser Text.

Woher man das weiß

Im Jahr 2013 haben John Dunlosky und vier Kollegen von der Kent State University für die Fachzeitschrift Psychological Science in the Public Interest die Forschung zu zehn gängigen Lerntechniken ausgewertet, Hunderte von Studien über Jahrzehnte. Das Ergebnis war unbequem. Die Techniken, die Schüler am meisten nutzen, Markieren, Wiederlesen, Zusammenfassen, bekamen die Note "geringer Nutzen". Zwei Techniken bekamen "hoher Nutzen": sich selbst abfragen und verteilt lernen. Das Ergebnis ist seitdem vielfach bestätigt worden, und es gilt für Grundschüler wie für Medizinstudenten, für Vokabeln wie für Mathe. Was folgt, sind diese Techniken, in der Reihenfolge, in der sie am meisten bringen.

Erstens: Abfragen statt lesen

Der Effekt hat einen Namen, Testing Effect oder Abrufübung, und das Grundexperiment stammt von Henry Roediger und Jeffrey Karpicke aus dem Jahr 2006. Zwei Gruppen lernten denselben Text. Die eine las ihn viermal. Die andere las ihn einmal und schrieb dann dreimal aus dem Gedächtnis auf, was sie noch wusste. Direkt danach war die Lesegruppe leicht vorn. Eine Woche später hatte die Lesegruppe die Hälfte vergessen, die Abfragegruppe fast nichts. Der Grund: Erinnern ist nicht Abspielen, sondern Rekonstruieren, und jedes Mal, wenn du etwas aus dem Kopf holst, wird der Weg dorthin breiter. Lesen macht den Text vertraut, nicht dich fähig, ihn abzurufen; aber abrufen ist genau das, was in der Arbeit verlangt wird.

Praktisch heißt das: Buch zu, Blatt leer, aufschreiben, was du weißt. Dann Buch auf, vergleichen, Lücken markieren, Buch zu, noch einmal. Fragen zum Kapitel stellen und beantworten, ohne nachzusehen. Karteikarten, bei denen du die Antwort wirklich sagst, bevor du umdrehst. Einem Menschen oder dem Hund erklären, was du gelernt hast. Alte Klassenarbeiten lösen. Es fühlt sich mühsamer an als Lesen, und es fühlt sich schlechter an, weil du merkst, was du nicht weißt. Genau das ist der Punkt: Die Mühe ist das Lernen, und die Lücke, die du jetzt findest, ist die, die du am Dienstag nicht mehr hast.

Zweitens: Verteilen statt bündeln

Vier Stunden am Sonntag sind schlechter als viermal eine Stunde an vier Tagen, und zwar nicht ein bisschen, sondern deutlich. Das ist der Spacing-Effekt, und er ist das am längsten bekannte Ergebnis der Gedächtnisforschung überhaupt; Hermann Ebbinghaus hat ihn 1885 an sich selbst gemessen. Der Grund ist, dass das Gehirn beim Wiederholen nach einer Pause etwas vergessen hat und es neu abrufen muss, und dieses Neu-Abrufen ist, siehe oben, das Lernen. Wer an einem Tag viermal dasselbe liest, hat beim vierten Mal nur noch das Gefühl, es zu können, weil es gerade erst da war. Nicholas Cepeda hat 2008 ausgerechnet, welche Abstände am besten sind: Für eine Arbeit in einer Woche lernst du am besten heute, übermorgen und am Tag davor. Für etwas, das du bis zum Abitur behalten willst, in Abständen von Wochen und Monaten.

Das heißt nicht, dass du mehr lernen musst. Es heißt, dass du dieselben vier Stunden anders verteilst. Und es heißt, dass die erste Lerneinheit am Tag nach der Stunde stattfindet, in der das Thema drankam, nicht am Tag vor der Arbeit. Zehn Minuten, in denen du abfragst, was heute im Unterricht war, sind mehr wert als eine Stunde drei Wochen später.

Drittens: Mischen statt blocken

Das ist der Teil, der am meisten überrascht. Wer Mathe lernt, macht meist zwanzig Aufgaben zur Bruchrechnung, dann zwanzig zur Prozentrechnung, dann zwanzig zu Gleichungen. Das fühlt sich geordnet an, und während des Lernens läuft es besser. Doug Rohrer und Kelli Taylor haben 2007 gezeigt, dass Schüler, die die Aufgabentypen durcheinander lösen, in der Prüfung fast doppelt so gut abschneiden, obwohl sie beim Üben mehr Fehler machen. Der Grund: Im Block weißt du immer schon, welcher Typ dran ist, du übst nur das Ausrechnen. Gemischt musst du jedes Mal erst erkennen, welche Art Aufgabe das ist, und genau das ist in der Klassenarbeit die eigentliche Schwierigkeit. Das gilt für Mathe, für Grammatik, für Formeln in Physik, für Interpretationsmethoden in Deutsch. Mischen fühlt sich chaotischer an und bringt mehr. Das ist das Muster, das sich durch diesen ganzen Text zieht.

Viertens: Verstehen, bevor du speicherst

Abfragen funktioniert nur mit Dingen, die du einmal verstanden hast. Für das Verstehen gibt es zwei Techniken, die Dunlosky mit "mittlerer Nutzen" bewertet hat und die trotzdem viel bringen: Erklär dir selbst, warum etwas so ist, bei jedem Schritt, laut oder schriftlich. Und verbinde Neues mit etwas, das du schon kennst, mit einer Frage wie „warum ist das logisch" oder „wo habe ich so etwas schon gesehen". Wer die Französische Revolution als Liste von Jahreszahlen lernt, vergisst sie. Wer verstanden hat, warum ein Staat pleitegeht, wenn er Kriege führt und der Adel keine Steuern zahlt, kann die Jahreszahlen daran aufhängen. Was du nicht verstanden hast, bleibt nicht, und was du nicht verstanden hast, erkennst du daran, dass du es nicht mit eigenen Worten sagen kannst.

Fünftens: Schlafen

Was du tagsüber gelernt hast, wird in der Nacht gespeichert, vor allem im Tiefschlaf der ersten Nachthälfte, und das ist keine Redensart, sondern Ergebnis der Schlafforschung seit Jan Born und Matthew Walker. Wer bis zwei Uhr lernt und um sechs aufsteht, verliert einen Teil dessen, was er gelernt hat, und ist obendrein in der Arbeit langsamer. Die Nacht vor der Klassenarbeit ist die eine Lerneinheit, die du nicht streichen darfst. Was Schlaf, Atmen und die ersten fünf Minuten in der Arbeit sonst noch bewirken, steht im Ratgeber Was tun gegen Prüfungsangst?.

Wie das zusammen aussieht

Montag, nach der Geschichtsstunde: zehn Minuten, Heft zu, aufschreiben, was heute dran war. Mittwoch: zwanzig Minuten, noch einmal aus dem Kopf, dann Lücken im Buch nachsehen, dazu zehn Minuten die Mathe-Aufgaben von letzter Woche gemischt mit denen von dieser. Freitag: alte Klassenarbeit oder selbst gestellte Fragen beantworten, ohne Buch. Sonntag frei. Dienstag, am Abend vor der Arbeit: eine halbe Stunde abfragen, dann schlafen. Das sind etwa zwei Stunden statt vier, und sie bringen mehr, weil jede davon aus Abrufen besteht und sie über die Woche liegen. Wie man daraus einen Plan macht, der auch in der dritten Woche noch hält, wie lange am Tag sinnvoll ist und was man gegen das Handy tut, folgt in eigenen Ratgebern; wie viel Hausaufgabenzeit überhaupt angemessen ist, steht schon in Wie lange dürfen Hausaufgaben dauern?.

Ein letzter Satz zum Markieren, weil es alle tun: Es ist nicht verboten. Es ist nur kein Lernen. Markier, wenn es dir hilft, den Text zu sortieren, und tu dann das, was zählt: Buch zu, Blatt leer.

Lern-Tipps & Lehrer bewerten

Wenn du auf deine bisherige Schulzeit zurückblickst, wie würdest du deine Schule bewerten? Ein Lehrer hat nicht nur den Auftrag, dir im Unterricht etwas beizubringen, sondern auch, dir zu zeigen, wie du richtig lernst. Sind die Lehrkräfte an deiner Schule überhaupt daran interessiert, dir richtiges Lernen beizubringen, oder vermitteln sie einfach nur Stoff, und das Endergebnis ist ihnen egal? Deine Erfahrungen solltest du in einer Bewertung deiner Schule niederschreiben. Sie hilft anderen Schülern und Eltern bei der Schulwahl und kann auch etwas verändern. Schulleitungen lesen regelmäßig die Bewertungen, da es sonst keine Alternative gibt - Google lässt keine Schulbewertungen mehr zu und die eigenen Seiten der Schulen liefern nur grundgelegte Informationen.

Bewertungsplattform für Schulen

In Deutschland fehlt es an einer einheitlichen Bewertungsplattform für alle Schulen. Diese Lücke wird auf diesen Seiten geschlossen. Hilf mit, sachliche Informationen für Eltern und Schüler bereitzustellen!

Wie ist die Schule vor Ort wirklich?

Finde deine Schule und lies echte, verifizierte Erfahrungen von Eltern und Schülern.

Schule finden