Ratgeber › Lernen und Hausaufgaben
Warum kann ich mich nicht konzentrieren?
Du sitzt seit vierzig Minuten am Schreibtisch und hast gerade einmal eine halbe Seite geschafft. Nicht, weil die Seite so schwer war. Du hast den ersten Absatz gelesen. Dann kam der Gedanke an die Nachricht von vorhin. Du hast nachgesehen, ob sie geantwortet hat. Dann hast du den ersten Absatz noch einmal gelesen, weil du nicht mehr wusstest, was darin stand. Dann ist dir eingefallen, dass du noch die Bio-Sachen suchen musstest. Du warst kurz in der Küche. Jetzt ist es viertel nach fünf, du bist müde, als hättest du zwei Stunden gelernt – und das, obwohl du nichts gelernt hast. Du fragst dich, was mit dir nicht stimmt, weil andere das doch können.
Die kurze Antwort lautet: Mit dir stimmt höchstwahrscheinlich alles, und die anderen können es auch nicht, sie erzählen es nur nicht. Konzentration ist kein entweder-oder, sondern ein Zustand, der von wenigen Dingen abhängt, die sich fast alle beeinflussen lassen: Ob das Handy im Raum ist, ob du geschlafen hast, ob du weißt, was genau du in den nächsten zwanzig Minuten tun willst, ob dich etwas beschäftigt, das wichtiger ist als Bio, und ob du zu lange am Stück sitzt. Keines davon ist eine Charakterschwäche. Wie Konzentration funktioniert, was sie am häufigsten zerstört, was du heute ändern kannst und wann es sich lohnt, mit jemandem darüber zu reden, erklärt dieser Text.
Was im Kopf passiert, wenn du dich nicht konzentrieren kannst
Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Das Arbeitsgedächtnis, der Teil, in dem du gerade denkst, fasst nur wenige Dinge gleichzeitig. Alles, was hineinwill - der Absatz in Bio, die Nachricht, der Hunger, die Sorge wegen morgen – konkurriert um denselben Platz. Das Gehirn ist nicht dafür ausgelegt, Ablenkungen zu ignorieren. Im Gegenteil: Es ist darauf programmiert, sofort auf Neues zu reagieren, da dies über Jahrtausende hinweg das Überleben gesichert hat. Ein aufleuchtendes Handy ist für dieses System wie ein Rascheln im Gebüsch. Deshalb kostet es Kraft, dabeizubleiben, und diese Kraft ist begrenzt. Der Psychologe Roy Baumeister nannte dies "Ich-Erschöpfung". Auch wenn die Forschung heute vorsichtiger damit ist, steht fest, dass die Konzentration nach einer gewissen Zeit nachlässt und Pausen sie wiederherstellen. Hinzu kommt das, was Sophie Leroy 2009 als „Aufmerksamkeitsrückstand” bezeichnet hat: Wenn du von der Nachricht zu Bio wechselst, bleibt ein Teil deines Gehirns noch bei der Nachricht, und zwar mehrere Minuten lang. Zehn Unterbrechungen in einer Stunde bedeuten somit nicht zehn verlorene Minuten, sondern eine Stunde, in der man nie ganz präsent war. Das ist die Müdigkeit, die du um Viertel nach fünf spürst.
Der größte Feind liegt auf dem Tisch
Es gibt dazu eine Studie, die jeder kennen sollte. Adrian Ward und seine Kollegen haben 2017 an der University of Texas Studierenden Aufgaben lösen lassen, die das Arbeitsgedächtnis fordern. Dabei haben sie nur eine Sache verändert: Bei einer Gruppe lag das Handy auf dem Tisch, bei einer anderen in der Tasche und bei einer dritten im Nebenraum. Alle Handys waren aus. Die Gruppe mit dem Handy im Nebenraum schnitt am besten ab, die Gruppe mit dem Handy auf dem Tisch am schlechtesten. Die Teilnehmer selbst hatten nicht das Gefühl, abgelenkt gewesen zu sein. Das Handy muss nicht leuchten, um Aufmerksamkeit zu kosten - es reicht, dass es da ist, da ein Teil des Gehirns damit beschäftigt ist, es nicht anzuschauen. Der wirksamste einzelne Schritt gegen Konzentrationsprobleme ist deshalb kein Trick, sondern eine Maßnahme: Das Handy sollte für die Dauer des Lernfensters in einen anderen Raum gelegt werden - ohne Ausnahme. Nicht auf lautlos, nicht umgedreht, nicht in der Schublade. In einem anderen Raum. Wenn das unmöglich erscheint, ist auch das eine Information. Zu diesem Problem gibt es einen eigenen Ratgeber zum Lernen trotz Handy.
Die anderen Gründe, in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit
Schlaf. Jugendliche brauchen acht bis zehn Stunden Schlaf. In der Pubertät verschiebt sich die innere Uhr nach hinten, weshalb du abends nicht müde bist und morgens kaum hochkommst. Das ist Biologie, nicht Faulheit. Wer nur sechs Stunden schläft, kann sich nachmittags nicht konzentrieren - egal, wie gut der Lernplan ist. Keine Technik der Welt kann die fehlenden zwei Stunden ersetzen. Wenn du dich seit Wochen nicht konzentrieren kannst, ist Schlaf die erste Frage, nicht die letzte.
Es gibt kein klares Ziel. "Bio lernen" ist keine Aufgabe, mit der das Gehirn anfangen kann, weil es nicht weiß, wo. Der Kopf wandert, wenn er keinen Auftrag hat. "Die fünf Fragen am Kapitelende aus dem Kopf beantworten" ist ein Auftrag und mit einem Auftrag ist die erste Viertelstunde fast immer konzentriert gearbeitet. Wie man solche Aufträge erstellt, steht im Ratgeber Lernplan erstellen, der hält.
Zu lange am Stück. Nach 25 bis 45 Minuten lässt bei fast allen die Aufmerksamkeit nach. Wer dann weitersitzt, lernt wenig und fühlt sich dabei schlecht. Die Pomodoro-Technik - 25 Minuten arbeiten, 5 Minuten Pause, nach vier Durchgängen eine längere Pause - nutzt dieses Wissen und funktioniert nicht wegen der Zahl 25, sondern weil die Pausen fest eingeplant sind und das Gehirn weiß, dass das Ende absehbar ist. Die Pause sollte ohne Handy verbracht werden, sonst bringst du den Aufmerksamkeitsrückstand mit zurück. Aufstehen, Wasser holen, aus dem Fenster schauen.
Etwas, das wichtiger ist. Wenn dich etwas beschäftigt - Streit, Angst vor morgen, ein Problem zu Hause -, dann ist dein Kopf woanders und er kommt nicht zurück, nur weil Bio auf dem Tisch liegt. Dann hilft ein Zettel: Schreibe auf, was dich beschäftigt, in einem Satz, und notiere daneben, wann du dich darum kümmerst. Das klingt banal, aber es nimmt den Gedanken die Dringlichkeit, weil sie einen Platz haben. Was nicht hilft, ist, so zu tun, als wäre es nicht da.
Der Ort. Bett, Sofa und Küchentisch sind Orte, an denen das Gehirn gelernt hat, andere Dinge zu tun. Ein Platz, an dem ausschließlich gelernt wird - selbst wenn es nur eine Ecke des Schreibtischs ist - wird nach einigen Wochen zum Signal. Auf dem Tisch sollte nichts liegen, was nicht zur Aufgabe gehört, denn jedes Ding ist ein möglicher Anfang für einen Gedanken.
Was du heute ändern kannst
Nicht alles auf einmal! Heute nur das Handy in den anderen Raum und ein Auftrag für zwanzig Minuten mit Wecker. Danach gibt es fünf Minuten Pause ohne Handy und dann noch einmal zwanzig Minuten. Das ist eine Lerneinheit, die fast jeder schafft, und sie ist effektiver als die vierzig Minuten von vorhin. Morgen dasselbe, und wenn es eine Woche lang funktioniert, die Zeit auf 30 Minuten verlängern. Nicht, weil 30 besser ist als 20, sondern weil du dann weißt, dass du es kannst. Dieses Wissen fehlt dir am Anfang. Was in den Fenstern passieren sollte - abfragen statt lesen - steht im Ratgeber "Wie lerne ich richtig?". Was die Forschung weiß.
Wann es sich lohnt, mit jemandem zu reden
Konzentrationsprobleme beim Lernen sind normal und die meisten lassen sich durch Schlaf, Übung und Auftrag lösen. Es gibt aber auch Fälle, in denen sie ein Zeichen für etwas anderes sind: Wenn die Probleme nicht nur beim Lernen, sondern auch im Unterricht, beim Lesen eines Buchs, beim Anschauen eines Films usw. auftreten, und das seit Jahren und nicht erst seit dieser Klassenarbeit. Wenn die Unruhe im Körper sitzt und nicht im Handy. Wenn das Nicht-Konzentrieren-Können zusammen mit einem Gefühl einhergeht, das nicht weggeht: Traurigkeit, Angst oder Leere über Wochen hinweg. Nichts davon ist ein Urteil, und nichts davon sollst oder kannst du selbst einordnen. Es ist nur ein Grund, mit jemandem darüber zu sprechen: den Eltern, der Beratungslehrkraft, der Schulpsychologie oder einer Kinderärztin. Eine Abklärung ist kein Stempel, sondern eine Antwort, und oft ist diese einfacher, als man befürchtet. Wenn du mit niemandem in deinem Umfeld reden möchtest, ist die Nummer gegen Kummer (116 111) kostenlos und anonym da, auch für Fragen, die sich klein anfühlen.
Rezensionen von Schulen
Ob eine Schule Lernzeiten so gestaltet, dass man sich konzentrieren kann, ob es in der Ganztagsbetreuung ruhige Räume gibt und ob das Thema Handy dort ernst genommen wird, steht in den Schulbewertungen von Schülern und Eltern. Wenn deine Schule dort noch fehlt, kannst du der Erste sein, der eine entsprechende Bewertung abgibt.
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