Ratgeber › Rechte in der Schule

Wie lange dürfen Hausaufgaben dauern?

Es ist halb sieben, das Abendessen steht auf dem Tisch, und du sitzt seit zwei Uhr an den Hausaufgaben. Mathe war eine Stunde, Englisch das Arbeitsblatt und die Vokabeln, dann das Referat für Erdkunde, und für Deutsch sollst du bis morgen noch zwanzig Seiten lesen und zusammenfassen. Deine Mutter fragt, ob das normal sei. Du weißt es nicht. Du weißt nur, dass es jeden Tag so ist.

Kurz gesagt: Nein, das ist nicht normal und in den meisten Bundesländern auch nicht zulässig. Hausaufgaben dürfen nur so lange dauern, wie es deinem Alter angemessen ist. Mehrere Bundesländer haben entsprechende Höchstgrenzen in Minuten festgelegt: In Nordrhein-Westfalen sind es 30 Minuten pro Tag in Klasse 1 und 2, 45 Minuten in Klasse 3 und 4, 60 Minuten in Klasse 5 bis 7 und 75 Minuten in Klasse 8 bis 10. In Niedersachsen sind es höchstens 30 Minuten in der Grundschule und 60 Minuten in Klasse 5 bis 10. In Bayern sind es höchstens eine Stunde in der Grundschule. Viereinhalb Stunden in Klasse 8 sind das Dreifache dessen, was die Vorschrift erlaubt. Das Problem ist, dass keine einzelne Lehrkraft das Gesamtbild überblickt, da jede nur ihr eigenes Fach betreut. Was die Länder vorschreiben, warum es trotzdem jeden Tag zu viel wird, was die Forschung über den Nutzen von Hausaufgaben weiß und was du und deine Eltern tun können, erklärt dieser Text.

Was die Vorschriften über Hausaufgaben sagen

In allen Schulgesetzen stehen Hausaufgaben unter dem Grundsatz der Zumutbarkeit: Sie sollen den Unterricht ergänzen, aus ihm hervorgehen und ohne fremde Hilfe in angemessener Zeit zu schaffen sein. Nordrhein-Westfalen hat diese Vorgaben in einem Runderlass vom Mai 2015 in Zeitrichtwerte übersetzt. Zusätzlich wurde festgelegt, dass Lehrkräfte zusätzliche Belastungen wie Referate und die Vorbereitung von Klassenarbeiten berücksichtigen müssen. Für die Sekundarstufe I muss die Schulkonferenz ein Konzept zur Verteilung der Aufgaben über die Woche beschließen. Niedersachsen hat mit einem eigenen Hausaufgabenerlass Höchstwerte von 30 und 60 Minuten pro Schultag festgelegt. In Bayern muss laut Paragraf 28 der Bayerischen Schulordnung sichergestellt sein, dass Hausaufgaben bei durchschnittlichem Arbeitstempo in angemessener Zeit erledigt werden können. Für die Grundschule wird eine Grenze von einer Stunde genannt, für die weiterführenden Schulen legen die Lehrerkonferenzen den Rahmen fest. In Hessen überlässt man es der Schulkonferenz und in Baden-Württemberg verlangt man in der Schulordnung die Zumutbarkeit und die Abstimmung zwischen den Lehrkräften einer Klasse..

Es gibt drei wichtige Dinge an diesen Regeln. Erstens gelten die Minuten für alle Fächer zusammen, nicht pro Fach. 75 Minuten in Klasse 8 sind das Tagespensum. Wenn Mathe allein 60 Minuten davon benötigt, bleiben für den Rest nur 15 Minuten. Zweitens gelten sie für ein durchschnittliches Arbeitstempo. Wer langsamer ist, darf nicht aufgefordert werden, deshalb länger zu sitzen. Die Aufgabe muss für die Klasse geeignet sein, nicht nur für die schnellsten Schüler. Drittens: An Ganztagsschulen mit Lernzeiten sollen Hausaufgaben in der Schule erledigt werden. Was danach noch übrig bleibt, muss klein sein. Nordrhein-Westfalen schreibt für die Sekundarstufe I vor, dass es in der Regel keine schriftlichen Aufgaben für zu Hause mehr geben soll.

Warum Hausaufgaben oft viereinhalb Stunden dauern

Der Grund ist fast nie eine einzelne Lehrkraft, die zu viel aufgibt. Der Grund ist vielmehr, dass sechs Lehrkräfte jeweils eine halbe Stunde abgeben und niemand die Summe überblickt. Die Mathelehrerin weiß beispielsweise nicht, dass heute das Erdkunde-Referat fällig ist, und der Deutschlehrer weiß nicht, dass morgen die Englischarbeit ansteht. Genau dafür sehen die Vorschriften eine Abstimmung in der Klasse vor, die an vielen Schulen jedoch nicht stattfindet. Hinzu kommt, dass Referate, Lektüre und die Vorbereitung auf Klassenarbeiten oft nicht als Hausaufgaben gezählt werden, obwohl sie Zeit kosten. Zudem ist die Zeit, die du tatsächlich brauchst, meist länger als die Zeit, die die Lehrkraft beim Aufgeben im Kopf hatte.

Was die Forschung dazu sagt, ist für manche Lehrkräfte eine Zumutung, für Schüler jedoch eine Erleichterung: Der Zusammenhang zwischen Hausaufgabenmenge und Lernerfolg ist in der Grundschule kaum nachweisbar und in der Mittelstufe nur bis zu einer gewissen Dauer. Danach nimmt der Nutzen ab. Der Bildungsforscher John Hattie hat hunderte Studien zusammengefasst und dabei für Hausaufgaben in der Grundschule einen Effekt nahe null und in der Sekundarstufe einen mittleren festgestellt. Dabei hing der Effekt weniger von der Menge der Aufgaben ab als davon, ob sie kurz, klar und auf den Unterricht bezogen waren. Das Zusammenfassen von zwanzig Seiten bringt weniger als das Zusammenfassen von zwei Seiten, die am nächsten Tag besprochen werden. Das ist jedoch kein Argument gegen Hausaufgaben. Es ist ein Argument gegen Hausaufgaben am Abend.

Was du tun kannst

Messe zunächst eine Woche lang. Schreibe jeden Tag auf, wie viele Minuten du für welches Fach gebraucht hast. Sei dabei ehrlich und lege das Handy weg. Das ist die Grundlage für alles Weitere, denn "zu viel" ist ein Gefühl, während "Montag 210 Minuten, Dienstag 180" ein Befund ist. Dann die Klassenleitung, am besten durch den Klassensprecher, wenn es die ganze Klasse betrifft: Die Liste wird vorgelegt, der Richtwert des Landes genannt und um das gebeten, was die Vorschrift ohnehin verlangt, nämlich Abstimmung zwischen den Lehrkräften. Viele Klassenleitungen führen danach einen Hausaufgabenplan ein, in den jede Lehrkraft einträgt, was sie aufgegeben hat. Allein das senkt die Menge, weil die Summe sichtbar wird.

Wenn das nichts bringt, dann müssen die Eltern und die Schulleitung schriftlich mit der Wochenliste und dem Hinweis auf das von der Schulkonferenz beschlossene Hausaufgabenkonzept der Schule informiert werden. Falls es keins gibt, ist das der Antrag der Schülervertretung: Die Schulkonferenz soll eines beschließen, mit Zeitrichtwerten, Abstimmungspflicht und hausaufgabenfreien Tagen vor Klassenarbeiten. Das ist ein Weg, der nicht nur dir, sondern auch allen Klassen nach dir hilft. Er funktioniert, weil kaum ein Elternvertreter und kaum eine Lehrkraft in der Konferenz gegen eine Regel stimmt, die im Erlass des Landes ohnehin steht. Was für Hausaufgaben über die Ferien und das Wochenende gilt, beschreibt der Ratgeber Darf die Schule Hausaufgaben für die Ferien geben? Und wie Eltern den Nachmittag ohne Streit hinbekommen, beschreibt der Ratgeber Hausaufgaben ohne Stress.

Was in der Zwischenzeit hilft: Nach dem Richtwert aufhören. Das klingt gewagt, entspricht aber der Vorschrift. Wer in der 8. Klasse nach 75 Minuten konzentrierter Arbeit nicht fertig ist, schreibt unter die Aufgabe, bis wohin er gekommen ist, und die Eltern unterschreiben es. Eine Lehrkraft, die das drei Tage hintereinander sieht, weiß, dass die Aufgabe zu groß war - und das ohne Streit. Und eine Lehrkraft, die darauf mit einer Erziehungsmaßnahme reagiert, hat ein Problem mit der Schulleitung, nicht du. In der Grundschule und Mittelstufe werden Hausaufgaben ohnehin nicht benotet, wie im Ratgeber "Wie wird eine Zeugnisnote berechnet?" erklärt. Was zählt, ist, was du im Unterricht daraus machst.

Was hier steht, ist keine Rechtsberatung; die Richtwerte stehen im Hausaufgabenerlass oder der Schulordnung deines Landes und im Konzept deiner Schule, und der Überblick über die Schülerrechte zeigt, wo das Thema im größeren Bild steht. Für halb sieben reicht: aufschreiben, wie lange es war, und morgen fragen, warum.

Ob eine Schule ihre Hausaufgaben abstimmt oder ob jede Lehrkraft sie individuell aufgibt, ob 60 Minuten die Regel sind oder ob der ganze Nachmittag für Hausaufgaben vorgesehen ist, ist etwas, das Eltern vor der Schulwahl gern wüssten. Diese Informationen findest du in den Bewertungen von Schulen hier auf Schulerfahrung.com. Wenn deine Schule dort noch nicht vertreten ist, kannst du der Erste sein, der über die Hausaufgaben-Thematik berichtet.

Wie ist die Schule vor Ort wirklich?

Finde deine Schule und lies echte, verifizierte Erfahrungen von Eltern und Schülern.

Schule finden