Ratgeber › Mobbing und Konflikte
Was tun, wenn die ganze Klasse gegen mich ist?
Es gibt niemanden, der dich schlägt. Es gibt niemanden, der dir etwas wegnimmt. Es gibt nur den Moment, in dem du den Raum betrittst und das Gespräch leiser wird. Es gibt die Gruppenarbeit, bei der du als Letzte übrig bleibst. Es gibt den Klassenchat, in dem du zwar drin bist, aber niemand antwortet dir. Und es gibt das Lachen, von dem du nicht weißt, ob es dir gilt. Genau das tut weh. Wenn du es jemandem erzählst, klingt es nach nichts. "Die reden nicht mit mir." Und wer es hört, sagt: "Dann rede doch mit ihnen!"
Die kurze Antwort: Was du beschreibst, hat einen Namen, Ausgrenzung, und es ist eine Form von Mobbing, auch wenn niemand etwas tut, sondern alle etwas lassen. Es ist nicht deine Schuld, und es liegt fast nie an etwas, das du ändern könntest, auch wenn es sich genau so anfühlt. Und die ganze Klasse ist in Wahrheit fast nie die ganze Klasse: Es sind zwei oder drei, die den Ton angeben, zehn, die mitlaufen, weil sie Angst haben, selbst draußen zu stehen, und ein paar, die es nicht gut finden und schweigen. Mit diesen letzten fängt der Weg zurück an, nicht mit den ersten. Was Ausgrenzung ist, warum sie so wirkt, wie du die Klasse neu sortierst, was die Schule tun kann und wann ein Wechsel die bessere Lösung ist, erklärt dieser Text.
Warum Nichts so wehtut
Der Psychologe Kipling Williams hat in den Neunzigerjahren ein einfaches Experiment gebaut: Drei Leute werfen sich einen Ball zu, und irgendwann werfen zwei davon nur noch sich gegenseitig. Der Dritte, der nichts mehr bekommt, fühlt sich innerhalb von zwei Minuten schlechter, unsicherer, wertloser, und das sogar dann, wenn man ihm vorher sagt, dass die beiden anderen ein Computerprogramm sind. Ausgeschlossen zu werden trifft im Gehirn dieselben Regionen wie körperlicher Schmerz; das hat Naomi Eisenberger 2003 im Scanner gezeigt. Das ist kein Beweis, dass du überempfindlich bist. Es ist der Beweis, dass du normal reagierst auf etwas, das Menschen über Jahrtausende das Leben gekostet hat, wenn die Gruppe sie ausstieß. Dein Körper weiß das noch. Deshalb kann es nicht einfach egal sein, und deshalb hilft der Rat "ignorier es"" so wenig.
Das Zweite, das du wissen solltest: Ausgrenzung gilt in der Mobbingforschung seit Dan Olweus ausdrücklich als Mobbing, als sogenannte relationale oder indirekte Form, und sie ist die Form, die Lehrkräfte am seltensten sehen, weil es nichts zu sehen gibt. Das heißt nicht, dass die Schule nichts tun kann. Es heißt, dass du ihr sagen musst, wonach sie schauen soll.
Die Klasse ist keine Mauer, sondern drei Gruppen
Wenn alle dich ausschließen, fühlt es sich an wie eine Wand. Die Mobbingforschung zerlegt diese Wand immer gleich: Es gibt Täter, meist ein bis drei, die entschieden haben, dass du draußen bist, und die davon etwas haben, Status, Lacher, das gute Gefühl, dazuzugehören. Es gibt Mitläufer und Verstärker, die lachen, weitertragen, den Platz freihalten, weil es ihnen Zugehörigkeit sichert und weil sie wissen, dass der Platz draußen sonst ihrer wäre. Und es gibt Außenstehende, oft ein Drittel der Klasse, die es sehen, nicht gut finden und nichts tun, weil es niemand tut. Die finnische Forscherin Christina Salmivalli, deren KiVa-Programm in Finnland zum Standard wurde, hat gezeigt, dass Mobbing nicht aufhört, wenn man die Täter bestraft, sondern wenn die Außenstehenden aufhören, außen zu stehen.
Für dich heißt das: Schau dir die Klasse eine Woche lang genau an. Wer fängt an? Wer lacht nur, wenn die anderen lachen? Wer lacht nicht? Wer hat dich im Bus einmal gegrüßt, als niemand hinsah? Wer sitzt selbst am Rand, in einem anderen Fach, in einer anderen Gruppe? Schreib die Namen in drei Spalten. Das ist dieselbe Liste wie im Ratgeber Wie kann ich Mobbing beweisen?, nur dass sie diesmal nicht für die Lehrkraft ist, sondern für dich. Die dritte Spalte ist der Ausweg.
Einen Menschen, nicht die Klasse
Der Fehler, den fast alle machen, ist, die Klasse zurückgewinnen zu wollen. Das geht nicht, weil die Klasse keine Person ist, mit der man reden kann. Was geht: ein einziger Mensch. Jemand aus der dritten Spalte, in einer Situation, in der die ersten beiden nicht dabei sind. Die Partnerarbeit, bei der die Lehrkraft die Paare bestimmt. Der Weg zum Bus. Der Chat um 21 Uhr, wenn niemand mitliest. Eine Frage nach den Hausaufgaben, ein Kommentar zu einem Spiel, ein "kann ich mich hier hinsetzen". Nicht mehr. Die Forschung zu Freundschaft in Schulklassen, etwa von Wendy Craig und Debra Pepler, zeigt, dass ein einziger Freund in der Klasse das Risiko, weiter gemobbt zu werden, deutlich senkt, und zwar nicht, weil der Freund dich beschützt, sondern weil du nicht mehr allein stehst, und allein stehen ist das Signal, auf das Ausgrenzung reagiert.
Es kann sein, dass der erste Versuch danebengeht, weil die Person Angst hat, mit dir gesehen zu werden. Das ist kein Urteil über dich, sondern über die Klasse. Versuch die nächste. Und such parallel außerhalb der Klasse: die AG, der Sportverein, die Parallelklasse, das Theaterprojekt, die Schülerzeitung. Ein Ort, an dem du nicht die bist, die draußen steht, ist nicht nur Trost, sondern verändert, wie du dich in der Klasse bewegst, und das sehen die anderen.
Was du nicht tun musst
Du musst dich nicht verändern, um reinzukommen. Nicht die Klamotten, nicht die Musik, nicht die Art, wie du redest. Der Versuch, es allen recht zu machen, wirkt auf eine Klasse, die dich ausgeschlossen hat, wie Unterwürfigkeit, und Unterwürfigkeit bestätigt die Rangordnung, die sie aufgebaut hat. Du musst dich auch nicht an die Täter heranmachen, ihnen Gefallen tun, über ihre Witze lachen. Das ist der Weg, den viele gehen, und er endet fast immer damit, dass man geduldet wird, solange man nützlich ist. Was du tun darfst: so bleiben, wie du bist, freundlich zu denen, die freundlich sind, und gleichgültig gegenüber denen, die es nicht sind, so gut das eben geht. Und dir Hilfe holen, denn das hier ist kein Problem, das man allein lösen muss, nur weil es keine sichtbaren Wunden hat.
Was die Schule tun kann, wenn sie es weiß
Lehrkräfte können gegen Ausgrenzung mehr tun, als es scheint, aber nur, wenn sie wissen, dass sie stattfindet. Sag es, am besten der Lehrkraft, bei der du dich am wenigsten unwohl fühlst, oder der Beratungslehrkraft oder der Schulsozialarbeit, und sag es konkret: "Seit den Herbstferien antwortet niemand mehr, wenn ich etwas sage, und bei Gruppenarbeit bleibe ich übrig." Gute Schulen haben Werkzeuge dafür, die nichts mit Strafe zu tun haben: Sitzordnungen, die die Lehrkraft bestimmt und regelmäßig ändert. Gruppen, die ausgelost werden statt gewählt. Klassenrat, in dem über das Klima gesprochen wird, ohne dass dein Name fällt. Den sogenannten No Blame Approach, bei dem eine Unterstützergruppe aus Tätern, Mitläufern und Außenstehenden gebildet wird, die gemeinsam dafür sorgen soll, dass es dir besser geht, ohne Schuldzuweisung; das klingt weich, hat aber in Studien aus England und Deutschland in den meisten Fällen funktioniert, gerade bei Ausgrenzung, wo es keinen einzelnen Täter zu bestrafen gibt. Was die Schule dabei nicht tun darf, ist, dich zu versetzen und die anderen zu lassen, wie sie sind, und was sie tun muss, steht im Ratgeber Wann muss die Schule bei Mobbing eingreifen?.
Wenn deine Eltern es übernehmen sollen: Der Ratgeber Was können Eltern bei Mobbing tun? beschreibt die Schritte, und der wichtigste ist, dass sie nicht in die Klasse gehen und mit den anderen Kindern reden. Das macht es schlimmer, fast immer.
Wann ein Wechsel die bessere Lösung ist
Manchmal kippt eine Klasse nicht mehr zurück. Wenn die Ausgrenzung seit mehr als einem halben Jahr läuft, wenn die Schule es weiß und nichts ändert, wenn du morgens Bauchschmerzen hast und abends nicht einschläfst, wenn die dritte Spalte leer bleibt, dann ist ein Wechsel in die Parallelklasse oder an eine andere Schule keine Flucht, sondern eine Entscheidung. Die Mobbingforschung ist da eindeutig: Ein Schüler, der einmal in einer Klasse die Rolle des Ausgeschlossenen hat, behält sie in dieser Klasse oft bis zum Ende, weil alle die Rolle kennen. In einer neuen Klasse kennt sie niemand. Viele, die gewechselt haben, berichten, dass es innerhalb von Wochen anders war, nicht, weil sie sich verändert hätten, sondern weil niemand ein Bild von ihnen hatte. Ob und wie, besprichst du mit deinen Eltern und der Schulleitung; die Parallelklasse geht oft unbürokratisch, der Schulwechsel wegen Mobbing wird in einem eigenen Ratgeber folgen.
Was hier steht, ist keine Rechtsberatung. Und wenn es gerade zu schwer ist, um irgendetwas davon anzufangen: Bei der Nummer gegen Kummer, 116 111, kostenlos und anonym, sitzen Menschen, die genau solche Geschichten kennen, und bei juuuport.de beraten Jugendliche, die selbst da waren. Wenn Gedanken kommen, die dir Angst machen, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111, und im Notfall die 112. Du musst das nicht allein tragen, und du musst nicht warten, bis es schlimm genug ist.
Ausgrenzung, Mobbing & Bwertung Schule
Wie eine Schule mit Ausgrenzung umgeht, ob es einen Klassenrat und Beratungslehrkräfte gibt, die etwas bewirken, oder ob alles beim Spruch "Dann rede du doch mit ihnen" bleibt, erfährst du in unserem Schule Bewerten Portal. Hier beschreiben viele Schüler und Eltern, welche Erfahrungen sie mit einer Schule gemacht haben. Oft hilft es, seinem Ärger in einer entsprechenden Schulbewertung Luft zu machen. Der Vorteil hierbei ist, dass dies auch vollkommen anonym erfolgen kann.
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