Mittlerer Schulabschluss: Sechs Wege, die danach offenstehen
Der mittlere Schulabschluss ist der Abschluss, den in Deutschland die meisten machen und über den am wenigsten geredet wird. Das Abitur hat seinen Glanz, der Hauptschulabschluss seine Debatten, und der mittlere Abschluss liegt dazwischen wie eine Selbstverständlichkeit. Dabei ist er der Punkt, an dem sich der Weg zum ersten Mal wirklich verzweigt, und die Zahl der Abzweigungen überrascht die meisten Familien, die mit sechzehn plötzlich vor ihnen stehen.
Was der Abschluss ist, und wie er heißt
Der mittlere Schulabschluss wird in Deutschland nach zehn Schuljahren erworben, an der Realschule, an Ober-, Sekundar-, Gemeinschafts- und Gesamtschulen, an der Mittelschule über den M-Zug, in einigen Ländern auch am Gymnasium nach der zehnten Klasse als Nebeneffekt der Versetzung in die Oberstufe. Er heißt je nach Land anders: Realschulabschluss, Mittlere Reife, Fachoberschulreife, Sekundarabschluss I, Mittlerer Bildungsabschluss, Qualifizierter Sekundarabschluss I. Gemeint ist überall dasselbe, und die Kultusministerkonferenz garantiert die gegenseitige Anerkennung. Eine Nuance, die Eltern kennen sollten: In einigen Ländern gibt es den mittleren Abschluss in zwei Stufen, den einfachen und den mit Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe, abhängig vom Notenbild. Nur die zweite Stufe öffnet den direkten Weg zum Abitur.
Weg eins: die duale Ausbildung
Der klassische Weg, und immer noch der häufigste. Rund 320 anerkannte Ausbildungsberufe gibt es in Deutschland, von der Anlagenmechanikerin bis zum Zahntechniker, zwei bis dreieinhalb Jahre im Betrieb und in der Berufsschule, mit Ausbildungsvergütung von Anfang an. Der mittlere Abschluss ist für einen großen Teil dieser Berufe der erwartete Standard, für kaufmännische, technische, medizinische und Verwaltungsberufe fast durchgehend, und in vielen Branchen bevorzugen Betriebe Realschüler ausdrücklich gegenüber Abiturienten, weil sie jünger sind, länger bleiben und weniger oft ins Studium abwandern.
Was in Familien oft untergeht: Die Ausbildung ist kein Ende des Bildungswegs. Wer sie abschließt, kann mit Berufserfahrung den Meister, den Fachwirt oder den Techniker machen, und alle drei berechtigen zum Studium an Hochschulen, ohne Abitur. Wer nach der Ausbildung drei Jahre im Beruf arbeitet, hat in den meisten Ländern ebenfalls Zugang zu fachlich passenden Studiengängen. Die duale Ausbildung ist damit ein Weg, der zum Studium führen kann, nur später und mit Geld in der Tasche.
Weg zwei: das berufliche Gymnasium
Drei Jahre, Klasse 11 bis 13, allgemeine Hochschulreife mit beruflichem Profil, Wirtschaft, Technik, Gesundheit, Soziales, Agrar. Der Weg, den fast ein Drittel aller Studienberechtigten in Deutschland nimmt, in Baden-Württemberg noch mehr, und der Weg, der am häufigsten übersehen wird, weil viele Eltern ihn schlicht nicht kennen. Voraussetzung ist der mittlere Abschluss mit einem Notenschnitt in den Kernfächern, meist zwischen 2,5 und 3,0 und ohne Fünf; wer ihn erfüllt, macht ein Abitur, das zu jedem Studium berechtigt. Der Ratgeber Berufliches Gymnasium beschreibt ihn ausführlich.
Weg drei: die Fachoberschule
Zwei Jahre, Klasse 11 und 12, Fachhochschulreife. Das erste Jahr enthält ein langes Praktikum im gewählten Berufsfeld, das zweite ist Unterricht. Der Weg ist weniger theoretisch als das berufliche Gymnasium, die Anforderungen in Mathematik und Fremdsprachen sind niedriger, und die Fachhochschulreife berechtigt zum Studium an allen Fachhochschulen, inzwischen in mehreren Ländern auch zu bestimmten Universitätsstudiengängen. Wer eine Ausbildung abgeschlossen hat, kann die Fachhochschulreife an der Fachoberschule in einem Jahr nachholen. Für Jugendliche, die ein praxisnahes Studium anstreben, Ingenieurwesen, Betriebswirtschaft, Soziale Arbeit, Pflege, ist das häufig der klügste Weg. Was die Fachhochschulreife vom Abitur unterscheidet, klärt der Ratgeber Abitur oder Fachabitur.
Weg vier: die Oberstufe eines allgemeinbildenden Gymnasiums oder einer Gesamtschule
Mit dem qualifizierten mittleren Abschluss steht in den meisten Ländern der Wechsel in die Oberstufe eines Gymnasiums oder einer Gesamtschule offen, in Klasse 11, mit dem Abitur nach drei Jahren. Die Aufnahme hängt von freien Plätzen und vom Notenbild ab, oft ist ein Schnitt um 3,0 in den Hauptfächern verlangt, und die zweite Fremdsprache muss, wenn sie fehlt, in der Oberstufe neu begonnen werden. Der Weg ist real, aber er ist anspruchsvoller als der über das berufliche Gymnasium, weil die Mitschüler seit Klasse 5 auf das Abitur hinarbeiten und die Schule den Realschüler als Ausnahme behandelt. Für Jugendliche mit sehr guten Noten und dem Wunsch nach einem breiten allgemeinbildenden Abitur passt er; für alle anderen ist das berufliche Gymnasium der weichere Einstieg.
Weg fünf: die schulische Ausbildung
Nicht alle Ausbildungen laufen dual. Erzieherinnen, Physiotherapeuten, Pflegefachkräfte, Medizinisch-technische Assistenten, Sozialassistenten, viele Gesundheits- und Sozialberufe werden an Berufsfachschulen ausgebildet, zwei bis drei Jahre, mit Praktika statt Betrieb, oft ohne Vergütung oder mit einer, die seit der Pflegereform in einigen Berufen eingeführt wurde. Der mittlere Abschluss ist für die meisten dieser Wege Voraussetzung, und sie führen in Berufe, die gesucht werden wie kaum andere. Wer diesen Weg geht, sollte auf die Kosten achten: Manche Berufsfachschulen in privater Trägerschaft verlangen Schulgeld, und die Länder haben es für einige Berufe abgeschafft, für andere nicht.
Weg sechs: das Jahr dazwischen
Nicht jeder Sechzehnjährige weiß, wohin. Ein Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr ist ab sechzehn möglich, ein Auslandsjahr, ein Berufsvorbereitungsjahr für die, die noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Diese Jahre sind kein verlorenes Jahr, wenn sie eine Frage klären, die vorher offen war. Sie sind eines, wenn sie nur Aufschub sind. Der Ratgeber Nach der Schule geht die Optionen durch.
Ein Wort zu den Noten
Fast alle Wege nach dem mittleren Abschluss haben Notengrenzen, und sie liegen fast alle im selben Bereich: ein Schnitt zwischen 2,5 und 3,0 in Deutsch, Mathematik und Englisch, keine Fünf in einem dieser Fächer, oft dazu die Qualifikation im Abschlusszeugnis. Das heißt für die neunte und zehnte Klasse etwas Praktisches: Die drei Kernfächer entscheiden über die Auswahl an Wegen, mehr als alle anderen zusammen. Ein Jugendlicher, der in Klasse 9 in Mathe auf eine Vier rutscht, verliert damit nicht den Abschluss, aber möglicherweise das berufliche Gymnasium. Wer diese Grenzen kennt, kann in Klasse 9 gezielt an einem Fach arbeiten, statt in Klasse 10 zu erfahren, dass ein Weg zu ist. Wie das gelingt, ohne dass die ganze Familie darunter leidet, beschreibt der Ratgeber Nachhilfe.
Wie man entscheidet
Mit sechzehn ist die wichtigste Frage nicht, welcher Weg der beste ist, sondern welcher zu dem Jugendlichen passt, der gerade vor einem sitzt. Ein Jugendlicher, der in der Realschule gute Noten hatte und eine Richtung im Kopf hat, ist am beruflichen Gymnasium richtig. Einer, der die Schule satt hat und arbeiten will, ist in der Ausbildung richtig, und niemand sollte ihm einreden, er verbaue sich etwas; er verschiebt es. Einer, der gern praktisch lernt, aber ein Studium anstrebt, ist an der Fachoberschule richtig. Und einer, der es nicht weiß, sollte ein Jahr nutzen, um es herauszufinden, mit Praktika, die man in der zehnten Klasse zu wenig ernst nimmt.
Praktisch: Die Berufsberatung der Agentur für Arbeit kommt in die Schulen und bietet Einzelgespräche an, die besser sind als ihr Ruf. Die Anmeldefristen für berufliche Gymnasien und Fachoberschulen liegen zwischen Februar und März des Abschlussjahres, mit dem Halbjahreszeugnis. Ausbildungsplätze für den Herbst werden in vielen Branchen schon ein Jahr vorher vergeben, in Banken und Konzernen noch früher; wer im Sommer nach dem Abschluss anfängt zu suchen, findet die Reste. Und Praktika in Klasse 9 und 10 sind die wichtigste Entscheidungshilfe überhaupt, weil sie zeigen, wie ein Beruf riecht, klingt und sich anfühlt.
Der mittlere Abschluss ist also weniger ein Abschluss als eine Kreuzung mit sechs Straßen, und keine davon ist eine Sackgasse. Die Familie, die im Frühjahr der zehnten Klasse alle sechs kennt, trifft eine bessere Entscheidung als die, die nur Ausbildung oder Abitur sieht. Und der Jugendliche, der weiß, dass er in drei Jahren noch einmal abbiegen kann, trifft sie mit weniger Angst.
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