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Abitur oder Fachabitur: Was die drei Hochschulreifen wirklich öffnen

Fachabitur ist ein Wort, das es offiziell nicht gibt. In Zeugnissen steht es nirgends, in Schulgesetzen auch nicht, und trotzdem benutzen es alle. Gemeint sind, je nachdem, wer spricht, zwei verschiedene Dinge, und genau diese Doppeldeutigkeit sorgt bei Jugendlichen und Eltern regelmäßig für Fehlentscheidungen. Wer weiß, was hinter dem Wort steckt, weiß auch, welche Türen sich mit welchem Abschluss öffnen.

Drei Hochschulreifen, nicht zwei

Das deutsche System kennt drei Arten von Hochschulzugangsberechtigung. Die allgemeine Hochschulreife ist das Abitur, erworben am allgemeinbildenden oder am beruflichen Gymnasium, an der Gesamtschule, am Abendgymnasium oder Kolleg. Sie berechtigt zum Studium aller Fächer an allen Hochschulen, Universitäten wie Fachhochschulen, ohne Einschränkung.

Die fachgebundene Hochschulreife berechtigt zum Studium bestimmter Fachrichtungen an Universitäten und zum Studium aller Fächer an Fachhochschulen. Man erwirbt sie zum Beispiel an beruflichen Gymnasien, wenn die zweite Fremdsprache fehlt, an Berufsoberschulen oder über bestimmte Weiterbildungsabschlüsse. Wer sie hat, kann Wirtschaftsingenieurwesen studieren, wenn er sie im technischen Profil erworben hat, aber nicht Medizin oder Jura. Mit dem Nachweis einer zweiten Fremdsprache wird sie zur allgemeinen Hochschulreife.

Die Fachhochschulreife berechtigt zum Studium aller Fächer an Fachhochschulen, in mehreren Bundesländern inzwischen auch zu bestimmten Studiengängen an Universitäten, aber nicht zu Medizin, Jura, Lehramt oder den meisten klassischen Universitätsfächern. Man erwirbt sie an der Fachoberschule nach zwölf Schuljahren, über den schulischen Teil in der Klasse 12 eines Gymnasiums plus Praktikum oder Ausbildung, an vielen Berufsfachschulen oder an Berufskollegs.

Wenn jemand Fachabitur sagt, meint er meistens die Fachhochschulreife, manchmal die fachgebundene Hochschulreife und gelegentlich das Abitur am beruflichen Gymnasium, das aber ein vollwertiges Abitur ist. Wer eine Entscheidung trifft, sollte das Wort vermeiden und nach dem exakten Abschluss fragen, der auf dem Zeugnis stehen wird.

Was die Fachhochschulreife kann

Mehr, als ihr Ruf verspricht. Fachhochschulen, die sich inzwischen fast alle Hochschulen für angewandte Wissenschaften nennen, bieten Bachelor und Master in Ingenieurwesen, Informatik, Betriebswirtschaft, Sozialer Arbeit, Design, Pflege, Gesundheitswissenschaften, Verwaltung, und ihre Abschlüsse sind denen der Universitäten gleichgestellt. Wer an einer Fachhochschule einen Master macht, kann promovieren, an manchen Fachhochschulen inzwischen direkt, sonst in Kooperation mit einer Universität. Die Studiengänge sind praxisnäher, die Gruppen kleiner, die Betreuung enger, und für viele Berufe, gerade in Technik und Wirtschaft, stellen Arbeitgeber Fachhochschulabsolventen bevorzugt ein.

Der Weg dorthin ist kürzer: Die Fachoberschule dauert zwei Jahre nach dem mittleren Abschluss, das berufliche Gymnasium drei. Die Anforderungen in Mathematik und Fremdsprachen liegen niedriger, und das Praktikum im ersten Jahr ist für viele Jugendliche der Moment, in dem aus einer Ahnung ein Berufsziel wird.

Was sie nicht kann

Medizin, Zahnmedizin, Tiermedizin, Pharmazie, Jura, Lehramt, Psychologie an der Universität, die meisten geistes- und naturwissenschaftlichen Universitätsstudiengänge: All das bleibt mit der Fachhochschulreife verschlossen, es sei denn, das Bundesland hat den Universitätszugang für bestimmte Fächer geöffnet, was Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und einige andere in unterschiedlichem Umfang getan haben. Wer eines dieser Fächer anstrebt, braucht die allgemeine Hochschulreife, und der Weg über das berufliche Gymnasium ist dann der richtige. Wer die Fachhochschulreife hat und später doch an die Universität will, kann nachlegen: mit einem abgeschlossenen Fachhochschulstudium, das an den meisten Universitäten den Zugang zum Master öffnet, oder in einigen Ländern mit einer Ergänzungsprüfung.

Der schulische Teil und das Praktikum

Eine Variante, die Eltern von Gymnasiasten kennen sollten, weil sie den Ausstieg aus dem Gymnasium weicher macht: Wer die Oberstufe eines Gymnasiums nach der Jahrgangsstufe 12, in G8-Ländern 11, mit ausreichenden Leistungen verlässt, hat den schulischen Teil der Fachhochschulreife in der Hand. Er wird zur vollen Fachhochschulreife, wenn ein einjähriges gelenktes Praktikum, eine abgeschlossene Berufsausbildung oder in manchen Ländern ein Freiwilligendienst hinzukommt. Ein Jugendlicher, der in der Oberstufe merkt, dass das Abitur nicht mehr das Ziel ist, hat damit einen Weg, der nicht mit leeren Händen endet. Die genauen Bedingungen unterscheiden sich zwischen den Ländern, und die Oberstufenberatung der Schule kennt sie.

Und wer gar keine Hochschulreife hat

Der Weg zum Studium ist in Deutschland längst nicht mehr an einen Schulabschluss gebunden. Wer eine Ausbildung abschließt und den Meister, Fachwirt, Techniker oder einen gleichwertigen Fortbildungsabschluss erwirbt, hat die allgemeine Hochschulreife im Sinne des Hochschulzugangs und kann jedes Fach studieren. Wer eine Ausbildung und drei Jahre Berufserfahrung mitbringt, kann in den meisten Ländern ein fachlich passendes Studium beginnen, oft nach einer Eignungsprüfung oder einem Probestudium. Der Anteil dieser Studierenden ohne Abitur ist klein, aber er wächst seit Jahren, und er zeigt, dass die Frage Abitur oder Fachabitur mit sechzehn eine Frage nach dem schnellsten Weg ist, nicht nach dem einzigen.

Berufschancen: die ehrliche Bilanz

Auf dem Arbeitsmarkt ist der Unterschied zwischen Abitur und Fachhochschulreife nach dem Studium kaum noch sichtbar. Ein Bachelor in Maschinenbau von einer Fachhochschule konkurriert mit einem Universitätsbachelor auf Augenhöhe, in vielen Betrieben mit Vorteil, weil das Praxissemester und die Projektarbeit näher am Berufsalltag liegen. Auch bei Gehältern verschwinden die Unterschiede nach wenigen Berufsjahren. Wo die allgemeine Hochschulreife weiter Vorteile hat, sind die Fächer, die es nur an Universitäten gibt, die Laufbahnen im höheren öffentlichen Dienst, für die ein Universitätsabschluss vorausgesetzt wird, und die akademische Karriere selbst.

Ohne Studium, direkt mit dem Schulabschluss in eine Ausbildung, ist das Abitur gegenüber der Fachhochschulreife in manchen Branchen ein Vorteil, in anderen egal. Banken, Versicherungen und Großkonzerne bevorzugen bei kaufmännischen Ausbildungen Abiturienten, Handwerk und Mittelstand nehmen den mittleren Abschluss lieber und fragen nach der Fachhochschulreife nicht.

Die Länder und ihre Unterschiede

Die drei Hochschulreifen gelten bundesweit, aber die Wege dorthin und der Zugang zu Universitäten mit Fachhochschulreife sind Ländersache. In Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen öffnen einzelne Universitäten bestimmte Bachelorstudiengänge auch für Fachhochschulreife-Inhaber, in Bayern und Baden-Württemberg gilt sie an Universitäten praktisch nicht. Die Fachoberschule heißt in Nordrhein-Westfalen Berufskolleg mit Fachhochschulreife, in Bayern ist sie Teil der Beruflichen Oberschule zusammen mit der Berufsoberschule. Wer mit einem Jugendlichen kurz vor dem Abschluss umzieht, sollte prüfen, ob der geplante Weg im neuen Land genauso heißt und genauso führt; die Kultusministerien listen die Zugänge, und die Berufsberatung kennt die Unterschiede.

Wie man entscheidet

Die Frage ist nicht, welcher Abschluss besser ist. Die Frage ist, was der Jugendliche damit anfangen will. Wer Ärztin, Anwalt oder Lehrer werden will, braucht das Abitur, und das berufliche Gymnasium ist der Weg dahin, wenn der Realschulabschluss gut genug ist. Wer Ingenieurin, Sozialarbeiter, Informatiker oder Betriebswirtin werden will, kommt mit der Fachhochschulreife schneller ans Ziel, mit einem Praktikum im Gepäck, und verliert nichts. Wer es nicht weiß, sollte den Weg mit den meisten offenen Türen wählen, und das ist das Abitur, aber nur dann, wenn die Kraft für drei Jahre Gymnasium tatsächlich da ist. Ein abgebrochenes berufliches Gymnasium ist schlechter als eine bestandene Fachoberschule.

Praktisch hilft ein Blick auf konkrete Studiengänge: Die Hochschulen listen ihre Zugangsvoraussetzungen auf ihren Seiten, und wer einen Wunschstudiengang hat, sieht dort in zwei Minuten, welcher Abschluss reicht. Die Berufsberatung der Agentur für Arbeit kennt die Wege und ihre Fristen. Und wer schwankt, sollte wissen, dass das System an dieser Stelle durchlässig ist: Von der Fachhochschulreife zur allgemeinen Hochschulreife führt der Weg über ein Jahr Berufsoberschule oder Klasse 13 eines beruflichen Gymnasiums, und vom Fachhochschulstudium zur Universität über den Master. Wer den mittleren Abschluss in der Hand hat und alle Wege vor sich sieht, findet sie im Ratgeber Mittlerer Schulabschluss: Welche Wege danach offen stehen.

Und für alle, die das Wort Fachabitur weiter benutzen wollen: Fragen Sie beim nächsten Gespräch, ob die Fachhochschulreife gemeint ist oder die fachgebundene. Die Antwort entscheidet, ob Ihr Kind später Medizin studieren kann. Das ist mehr als eine Frage der Wortwahl.

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