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Lernen mit Karteikarten: So funktioniert es wirklich
Der Stapel liegt seit drei Wochen auf dem Schreibtisch. Es sind hundertzwanzig Karten zu den Units 4 und 5 in Englisch, die du sauber geschrieben hast: vorne das Wort, hinten die Übersetzung. Du hast sie an einem Sonntag erstellt. Das Schreiben hat zwei Stunden gedauert und sich gut angefühlt. Seitdem hast du sie zweimal durchgeblättert, einmal davon im Bus. Bei der Vokabelarbeit konntest du dich jedoch nur an etwa vierzig der hundertzwanzig Vokabeln erinnern. Du hast gedacht, Karteikarten funktionieren bei dir nicht.
Die kurze Antwort lautet: Karteikarten sind die am besten belegte Lerntechnik - wenn man sie richtig benutzt. Das Durchblättern im Bus ist jedoch nicht richtig. Richtig heißt: Du siehst die Vorderseite der Karte, sagst die Antwort laut oder schreibst sie auf, bevor du die Karte umdrehst. Anschließend sortierst du die Karte in ein Fach, das bestimmt, wann du sie wiedersiehst: richtige Karten später, falsche bald. Das sind die beiden Mechanismen, die in der Lernforschung am stärksten wirken: das Abrufen aus dem Gedächtnis und die Wiederholung mit wachsendem Abstand. Eine Karteikarte vereint beide Mechanismen in einer Form, die in die Hosentasche passt. Was Karteikarten können und was nicht, wie du sie beschriftest, wie das Fächersystem funktioniert, ob du Papier oder eine App verwendest und wie es sich mit Vokabeln, Formeln, Geschichte und Bio verhält, erklärt dieser Text.
Warum Karteikarten wirken, wenn man sie richtig benutzt
Was im Kopf bleibt, ist das, was man abruft, nicht das, was man sich ansieht. Dieser Effekt wird als Testing Effect bezeichnet und wurde 2006 von Henry Roediger und Jeffrey Karpicke gemessen. Er wird im Ratgeber Wie lerne ich richtig? erläutert. Was die Forschung weiß erklärt. Eine Karteikarte ist eine Abfrage. Auf der Vorderseite steht die Frage, auf der Rückseite die Antwort. Der Moment dazwischen, in dem du die Antwort aus dem Kopf holst, ist das Lernen. Wer die Karte umdreht, bevor er geantwortet hat, hat die Karte nur gelesen, und das bringt wenig. Der Moment zwischen Frage und Umdrehen ist deshalb das Einzige, was zählt, und er muss anstrengend sein. Wenn er sich leicht anfühlt, ist die Karte entweder zu einfach, oder du hast geschummelt.
Der zweite Mechanismus ist der Abstand. Sebastian Leitner hat in den Siebzigerjahren ein System beschrieben, das heute von allen Karteikarten-Apps verwendet wird. Es gibt Fächer, in denen Karten liegen, die unterschiedlich oft wiederholt werden müssen. Eine Karte, die du kannst, wandert ein Fach weiter und kommt seltener vor. Eine Karte, die du nicht kannst, wandert zurück ins erste Fach und kommt morgen wieder. So verbringst du deine Zeit mit dem, was du noch nicht kannst, und nicht mit dem, was du bereits kannst. Das ist das Gegenteil vom Durchblättern, bei dem jede Karte gleich viel Zeit bekommt. Der Abstand, dass eine gekonnte Karte nicht morgen, sondern in vier Tagen wiederkommt, ist der Spacing-Effekt. Er ist der Grund, warum eine Karte, die du fünfmal mit wachsendem Abstand gekonnt hast, in der Arbeit noch da ist.
Wie du die Karte schreibst
Eine Karte, eine Sache. Nicht "Die Ursachen des Ersten Weltkriegs" auf einer Karte, sondern fünf Karten mit je einer Ursache. Eine Karte, die fünf Antworten verlangt, ist entweder zu leicht, weil du zwei Antworten weißt und die Karte gekonnt aussortierst, oder zu schwer, weil du nie alle fünf Antworten weißt. Auf der Vorderseite steht eine Frage, kein Stichwort: nicht "Photosynthese", sondern "Was nimmt die Pflanze bei der Photosynthese auf und was gibt sie ab?" Die Frage muss so gestellt sein, dass es eine Antwort gibt, die man als richtig oder falsch bewerten kann. Auf der Rückseite steht die Antwort, kurz und in eigenen Worten, nicht abgeschrieben aus dem Buch, denn das Umformulieren ist schon der erste Lernschritt. Bei Vokabeln nicht nur das Wort und seine Übersetzung, sondern das Wort in einem Satz, den man sich gut merken kann, sowie die Übersetzung mit Artikel und Plural, denn genau daran scheitert es. Und man sollte in beide Richtungen lernen: Deutsch nach Englisch ist eine andere Karte als Englisch nach Deutsch.
Karten mit Bild, Skizze, Pfeil oder Farbe bleiben besser im Gedächtnis haften als Karten mit Text. Das liegt daran, dass das Gehirn Bilder anders speichert als Wörter. Wer die Herzkammern lernen möchte, zeichnet das Herz auf die Vorderseite der Karte und beschriftet die Rückseite mit leeren Pfeilen. Und: Karten selbst schreiben. Fertige Kartensätze aus dem Internet sparen zwar die zwei Stunden am Sonntag, kosten aber das, was in diesen zwei Stunden passiert: das erste Durchdenken des Stoffs.
Das Fächersystem, in der Praxis
Es gibt fünf Fächer, einen Karton und fünf Gummibänder. Neue Karten kommen in Fach eins. Fach eins wird jeden Tag abgefragt, Fach zwei jeden zweiten Tag, Fach drei jede Woche, Fach vier alle zwei Wochen und Fach fünf vor der Arbeit. Eine Karte, die du kannst, wandert ein Fach weiter. Eine Karte, die du nicht kannst, wandert zurück in Fach eins - egal, in welchem Fach sie sich befand. Das ist die ganze Regel, und sie hat eine Konsequenz, die viele unterschätzen. Die tägliche Abfrage von Fach eins dauert anfangs zwanzig Minuten und nach zwei Wochen nur noch fünf, da die Karten weiterwandern. Was nicht funktioniert, ist das Nachholen: Wer Fach eins drei Tage liegen lässt, hat am vierten Tag einen Stapel, der die Lust nimmt. Lieber jeden Tag fünf Minuten als am Sonntag eine Stunde. Das ist dieselbe Regel wie im Ratgeber Lernplan erstellen, der hält.
Es gibt zwei Fehler, die das System aushebeln: Die Karte als gekonnt wegsortieren, obwohl die Antwort nur "ungefähr" richtig war. "Ungefähr" ist falsch, zurück in Fach eins, denn in der Arbeit zählt "ungefähr" auch nicht. Und die Reihenfolge der Karten beibehalten, sodass du nach einer Woche nicht die Antworten kennst, sondern nur weißt, welche Karte nach welcher kommt. Mische jedes Mal.
Papier oder App
Beides funktioniert, und die Forschung kann keinen klaren Sieger ausmachen. Apps wie Anki oder die kostenlosen Alternativen rechnen die Abstände aus, erinnern dich, lassen sich im Bus benutzen und verlieren keine Karten. Sie sind bei großen Mengen, etwa für Vokabeln über ein ganzes Schuljahr, kaum zu schlagen. Papier hat zwei entscheidende Vorteile: Das Schreiben von Hand ist bereits ein Lernschritt, der beim Tippen teilweise wegfällt. Außerdem hat ein Karton auf dem Schreibtisch keine Benachrichtigungen. Wer sich beim Lernen auf dem Handy regelmäßig in anderen Apps wiederfindet, wie im Ratgeber Warum kann ich mich nicht konzentrieren? beschrieben, ist mit Papier besser bedient. Wer diszipliniert ist und viele Karten hat, für den ist die App ideal. Viele kombinieren beides: Sie schreiben auf Papier, um zu lernen, und tippen die Karten dann ab, um sie zu wiederholen.
Für welche Fächer, und wie
Vokabeln sind der klassische Fall mit Satz und Artikel wie oben. In Mathe und Physik sind es Formeln: vorne steht die Aufgabe, zum Beispiel "Fläche eines Kreises", hinten steht die Formel und ein Beispiel mit Zahlen. Und umgekehrt: vorne steht die Formel, hinten steht, wofür sie ist. In Geschichte und Politik steht vorne die Frage nach Ursache, Folge oder Begriff und hinten die Antwort in zwei Sätzen. Keine Jahreszahl ohne das, was passiert ist. In Biologie und Chemie sind es Skizzen und Abläufe in Schritten, wobei jeder Schritt eine Karte ist. Im Fach Deutsch werden Fachbegriffe, Merkmale einer Textsorte und der Aufbau einer Erörterung auf Karten notiert, damit die Struktur sitzt, bevor der Inhalt kommt. Was nicht auf Karten gehört, ist alles, was Verstehen braucht und nicht Erinnern. Eine Karte kann dich fragen, was der Satz des Pythagoras besagt, aber sie kann dich nicht lehren, ihn in einer Aufgabe zu erkennen. Dafür braucht es gemischte Aufgaben, und die Karte ist das Fundament, auf dem diese Aufgaben stehen.
Der Stapel auf dem Schreibtisch ist nicht das Problem. Das Durchblättern war es. Nimm die hundertzwanzig Karten, mach fünf Fächer, und beginne morgen mit Fach eins, laut, bevor du umdrehst. In zwei Wochen sind es nicht vierzig, die da sind.
Das Lernen lernen: Schulbewetungen
Eine gute Schule sollte dir auch das richtige Lernen beibringen. Doch das hängt immer davon ab, wie engagiert Schule und Lehrer letztendlich sind. Gerade wenn du mit deinen Eltern vor der Wahl einer passenden Schule stehst, solltest du dir einen Überblick in unseren Schulbewertungen verschaffen. Hier schreiben vor allem Schüler über ihren Alltag an der Schule. Hier erfährt man, was sonst nirgendwo steht. Natürlich bist auch du eingeladen, deine Erfahrungen an einer Schule zu schildern.
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