Ratgeber › Lernen und Hausaufgaben

Keine Motivation zum Lernen: Was wirklich hilft

Das Mathebuch liegt seit halb drei auf dem Tisch. Du hast es aufgeschlagen, und dann hast du das Fenster angeschaut, und dann das Handy, und dann hast du dir gedacht, dass du erst mal etwas essen könntest, und jetzt ist es halb fünf. Du willst ja. Du weißt, dass die Arbeit am Freitag ist, du weißt, dass es wichtig ist, und trotzdem ist da nichts, kein Antrieb, keine Lust, nur ein schweres Gefühl, das sagt: nicht jetzt. Und dazu die Stimme, die sagt, dass andere das einfach machen und du zu faul bist.

Die kurze Antwort: Du bist nicht faul. Motivation ist kein Vorrat, den manche haben und andere nicht, sondern das Ergebnis von drei Dingen, die die Forschung ziemlich gut kennt: ob du glaubst, dass du es schaffen kannst, ob du einen Grund siehst, der für dich zählt, und ob der nächste Schritt klein genug ist, um ihn ohne Lust zu tun. Wo eines davon fehlt, bleibt das Buch zu, und das ist bei fast allen so, nicht nur bei dir. Das Wichtigste vorweg: Du musst nicht auf die Lust warten, um anzufangen. Es ist umgekehrt. Anfangen erzeugt die Lust, meist nach fünf bis zehn Minuten, und das ist kein Trick, sondern das, was in der Psychologie seit Jahrzehnten gemessen wird. Warum Lernen sich so oft leer anfühlt, was die drei Hebel sind und wie ein Nachmittag aussieht, an dem es trotzdem klappt, erklärt dieser Text.

Warum die Lust nicht kommt

Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan, seit den Achtzigerjahren eine der am besten belegten Theorien der Motivationsforschung, sagt, dass Menschen sich aus eigenem Antrieb mit Dingen beschäftigen, wenn drei Bedürfnisse erfüllt sind: Sie wollen sich kompetent fühlen, sie wollen selbst entscheiden, und sie wollen, dass das, was sie tun, mit jemandem oder etwas verbunden ist, das ihnen etwas bedeutet. Schule verletzt oft alle drei auf einmal. Der Stoff ist vorgegeben, die Zeit ist vorgegeben, und ob du etwas kannst, erfährst du erst nach der Arbeit, mit einer Zahl. Dass dann die Lust fehlt, ist kein Defekt, sondern die normale Reaktion auf eine Situation, in der nichts davon stimmt. Die gute Nachricht: An zwei der drei kannst du selbst drehen, auch wenn der Stoff bleibt, wie er ist.

Dazu kommt, was Albert Bandura Selbstwirksamkeit genannt hat: die Erwartung, dass das eigene Tun etwas bewirkt. Wer in Mathe seit zwei Jahren Vieren schreibt, egal wie viel er lernt, hat gelernt, dass Lernen nichts bringt, und dann ist es rational, nicht anzufangen. Das Problem ist nur, dass die Erfahrung oft aus falschem Lernen stammt, aus Lesen und Markieren statt Abfragen, wie im Ratgeber Wie lerne ich richtig? Was die Forschung weiß beschrieben. Wer einmal erlebt, dass zwanzig Minuten Abfragen eine Note bringen, hat die Selbstwirksamkeit zurück, und die ist der stärkste Motivator, den es gibt.

Erster Hebel: Der Schritt muss klein sein

Ein Gehirn, dem "Mathe lernen" gesagt wird, sieht einen Berg, und Berge erzeugen Vermeidung. Der Trick, der am zuverlässigsten funktioniert, heißt in der Forschung zur Prokrastination, etwa bei Piers Steel, Aufgabenverkleinerung, und im Alltag heißt er: fünf Minuten. Nicht "Mathe lernen", sondern "Buch auf, Seite 42, erste Aufgabe lesen". Nicht "Vokabeln", sondern "die ersten zehn abdecken". Die Vereinbarung mit dir selbst lautet: fünf Minuten, dann darfst du aufhören. Fast niemand hört nach fünf Minuten auf, weil der Widerstand nicht in der Aufgabe sitzt, sondern im Anfangen, und der ist nach fünf Minuten weg. Das ist der Zeigarnik-Effekt, nach der Psychologin Bljuma Zeigarnik, die in den Zwanzigerjahren beobachtete, dass angefangene Aufgaben im Kopf bleiben und zu Ende gebracht werden wollen. Angefangen ist mehr als halb.

Dazu gehört ein fester Auslöser, damit das Anfangen nicht jeden Tag neu entschieden werden muss: nach dem Essen, bevor das Handy angeht, am selben Platz. Was täglich entschieden wird, wird täglich verschoben. Wie man so etwas in einen Plan gießt, der nicht am Dienstag kippt, steht im Ratgeber Lernplan erstellen, der hält.

Zweiter Hebel: Ein Grund, der deiner ist

"Weil ich muss" motiviert niemanden, und "weil meine Eltern sonst sauer sind" auch nicht lange; Deci und Ryan haben gezeigt, dass Druck von außen die eigene Motivation nicht ersetzt, sondern verdrängt. Was wirkt, ist ein Grund, den du selbst gewählt hast, auch wenn er klein ist. Nicht "für meine Zukunft", das ist zu weit weg. Eher: Ich will in dieser Arbeit keine Fünf, weil ich die Diskussion zu Hause nicht will. Ich will in Englisch besser werden, weil ich die Serie ohne Untertitel sehen will. Ich will Bio verstehen, weil ich wissen will, was in meinem Körper passiert, wenn ich Sport mache. Es muss kein edler Grund sein, nur deiner. Schreib ihn auf einen Zettel und leg ihn ins Buch, nicht, weil der Zettel magisch wäre, sondern weil der Grund in dem Moment, in dem das Buch zugeht, vergessen ist.

Und für Fächer, bei denen dir kein Grund einfällt, gibt es einen, der immer gilt: Ich will das hinter mir haben, mit so wenig Aufwand wie möglich. Das ist eine legitime Motivation, und sie führt direkt zu den Techniken, die am wenigsten Zeit für die meiste Note brauchen.

Dritter Hebel: Du musst merken, dass es wirkt

Motivation hält nicht, wenn das Ergebnis erst in drei Wochen auf dem Zeugnis steht. Sie braucht Rückmeldung in Stunden, nicht in Wochen. Deshalb: Lernen so bauen, dass du am Ende jeder Einheit siehst, was du jetzt kannst, was du vorher nicht konntest. Zehn Aufgaben, vorher drei richtig, nachher acht. Zwanzig Vokabeln, vorher sechs, nachher siebzehn. Eine Liste, auf der du abhakst, was sitzt. Das Abhaken ist nicht kindisch, es ist das, was das Belohnungssystem braucht, um den nächsten Tag wieder anzufangen. Und belohne dich für das Anfangen, nicht nur für das Ergebnis: die Folge, das Spiel, das Treffen, nach der Einheit und nicht davor. Die Reihenfolge ist die ganze Kunst.

Was nicht hilft

Auf die Lust warten. Sie kommt beim Tun, nicht davor. Sich selbst beschimpfen; die Forschung von Kristin Neff zeigt ziemlich eindeutig, dass Menschen, die sich nach einem verlorenen Nachmittag mit Selbstmitgefühl begegnen, am nächsten Tag eher wieder anfangen als die, die sich fertigmachen, weil Scham Vermeidung erzeugt und nicht Antrieb. Den ganzen Samstag opfern, um alles nachzuholen; das erzeugt den Berg, der am nächsten Samstag die Vermeidung auslöst. Und Motivationsvideos; sie fühlen sich eine Viertelstunde lang gut an und ersetzen das Buch nicht.

Ein Nachmittag, an dem es klappt

Halb drei, Essen fertig, Handy in den anderen Raum, wie im Ratgeber Warum kann ich mich nicht konzentrieren? beschrieben. Zettel mit dem Grund ins Buch. Wecker auf fünf Minuten, Seite 42, erste Aufgabe. Nach fünf Minuten die Frage: weiter? Meistens ja. Wecker auf zwanzig Minuten, Aufgaben aus dem Kopf, dann Lösungen vergleichen, drei von sieben richtig. Pause, Wasser, Fenster. Noch einmal zwanzig Minuten, die vier falschen noch einmal, jetzt sechs von sieben. Abhaken. Viertel nach vier, Handy zurück, Folge an. Das ist kein perfekter Nachmittag, es sind 45 Minuten, und sie sind mehr als die zwei Stunden, in denen das Buch nur dalag. Morgen dasselbe, und in zwei Wochen fragst du dich nicht mehr, ob du Lust hast, weil es einfach die Zeit ist, in der du das machst.

Wenn es mehr ist als keine Lust

Keine Motivation zum Lernen ist normal, und fast immer lässt sie sich mit kleinen Schritten, eigenem Grund und sichtbarem Fortschritt zurückholen. Es gibt aber eine andere Art von Antriebslosigkeit: wenn sie nicht nur das Lernen betrifft, sondern alles, auch das, was dir früher Spaß gemacht hat, wenn sie seit Wochen da ist und nicht weggeht, wenn du morgens nicht hochkommst und abends nicht schläfst, wenn dir die Dinge egal werden. Das ist kein Motivationsproblem, und es ist nichts, was du mit einem Wecker lösen sollst oder kannst. Dann ist es Zeit, es jemandem zu sagen, den Eltern, der Beratungslehrkraft, der Schulpsychologie oder einer Ärztin, nicht, weil etwas Schlimmes mit dir wäre, sondern weil es dafür Hilfe gibt, die wirkt. Die Nummer gegen Kummer, 116 111, ist kostenlos und anonym, auch wenn du noch nicht weißt, wie du es sagen sollst, und die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar.

Wissen vermitteln - Schulen bewerten

Oft ist es so, dass einen die Schule oder die Lehrer automatisch motivieren. Die Klassengemeinschaft hilft sich auch gegenseitig. Welche Erfahrungen hast du in der Schule gemacht? Hat es dir Spaß gemacht zu lernen oder war der Stoff zu viel, weil Schule, Lehrer und Lehrplan nicht eingegriffen haben? Schreibe eine Bewertung deiner Schule, um anderen bei der Schulwahl zu helfen und der Schulleitung Denkanstöße zu geben. Natürlich kannst du auch die Rezensionen zu anderen Schulen lesen, wenn du dich z. B. für eine weiterführende Schule interessierst.

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