RatgeberSchulalltag

Zeugnis verstehen: Was Noten, Kopfnoten und Bemerkungen wirklich sagen

Der Umschlag liegt auf dem Tisch, das Kind wartet, und in den nächsten dreißig Sekunden lernt es mehr über die Frage, was seine Eltern wirklich von ihm erwarten, als in einem ganzen Schuljahr. Zeugnisse sind Dokumente, die mehr Missverständnisse erzeugen als fast alles andere in der Schule, bei Eltern, die die Noten falsch lesen, und bei Kindern, die die Reaktion der Eltern richtig lesen. Dieser Text erklärt, was drinsteht, was es bedeutet und was nicht, und wie das Gespräch am Tisch gelingt.

Die Noten

Die sechsstufige Skala kennt jeder. Was weniger bekannt ist: Sie ist eine Kompetenzbeschreibung, keine Rangfolge. Eine Zwei bedeutet, dass die Leistung den Anforderungen voll entspricht. Nicht überwiegend, nicht mit Abzügen, sondern voll. Die Eins ist für Leistungen reserviert, die den Anforderungen in besonderem Maß entsprechen, also darüber liegen. Eltern, die eine Zwei als Enttäuschung behandeln, weil sie keine Eins ist, haben die Skala nicht verstanden, und das Kind merkt es. Die Drei heißt, dass die Leistung im Allgemeinen den Anforderungen entspricht, also das Ziel erreicht wurde, mit Lücken. Erst die Vier beschreibt Mängel, die Fünf nennt die Leistung nicht ausreichend, mit der Aussicht, die Lücken in absehbarer Zeit zu schließen, die Sechs beschreibt Grundlagen, die fehlen.

In der Grundschule verzichten viele Länder in den ersten Klassen auf Noten und verwenden Berichtszeugnisse, die beschreiben, was ein Kind kann und woran es arbeitet. Diese Berichte sind aufwendiger geschrieben, als sie gelesen werden, und sie enthalten Formulierungen, die codiert sind: Ein Kind, das sich noch bemühen sollte, hat Probleme; ein Kind, das die Anforderungen in Teilen erfüllt, hat erhebliche. Lesen Sie Berichtszeugnisse zweimal, und fragen Sie die Lehrkraft, wenn eine Formulierung Sie stutzig macht.

Die Kopfnoten

In etwa der Hälfte der Bundesländer stehen im Zeugnis Bewertungen zu Arbeits- und Sozialverhalten, umgangssprachlich Kopfnoten genannt, in Skalen von sehr gut bis unbefriedigend oder in Formulierungen wie verdient besondere Anerkennung, entspricht den Erwartungen in vollem Umfang, entspricht den Erwartungen, entspricht den Erwartungen mit Einschränkungen, entspricht nicht den Erwartungen. Sie beschreiben Dinge wie Zuverlässigkeit, Sorgfalt, Mitarbeit, Umgang mit anderen. Für Eltern sind sie oft aufschlussreicher als die Fachnoten, weil sie zeigen, wie das Kind im Schulalltag erlebt wird. Eine Zwei in Mathematik mit der Bemerkung, das Arbeitsverhalten entspreche den Erwartungen mit Einschränkungen, sagt: Das Kind ist gut, aber es tut zu wenig dafür, und in Klasse 8 wird die Zwei nicht halten. Kopfnoten sind auch für Ausbildungsbetriebe interessant, die sie in Bewerbungen oft genauer ansehen als die Mathenote.

Die Bemerkungen

Unter den Noten steht ein Feld, das Eltern häufig überlesen, und dort stehen Dinge von erheblicher Bedeutung. Der Versetzungsvermerk: wird versetzt, wird nicht versetzt, rückt vor auf Probe. Hinweise auf eine gefährdete Versetzung im Halbjahreszeugnis, die der Warnung entsprechen, die als blauer Brief bekannt ist und die der Ratgeber Sitzenbleiben beschreibt. Die Fehltage, entschuldigt und unentschuldigt, wobei unentschuldigte Fehltage in jedem späteren Bewerbungsverfahren eine Rolle spielen. Die Teilnahme an Arbeitsgemeinschaften, Wettbewerben, besonderen Programmen. Und in manchen Ländern der Vermerk über Notenschutz bei Lese-Rechtschreib-Schwäche, während ein Nachteilsausgleich in der Regel nicht vermerkt wird.

Formulierungen in den Bemerkungen folgen oft einer eigenen Sprache. Hat sich bemüht heißt, es hat nicht gereicht. Zeigt Fortschritte heißt, es war vorher schlecht und ist jetzt weniger schlecht. Sollte seine Mitarbeit verbessern heißt, das Kind meldet sich nicht. Wer diese Sprache liest, versteht das Zeugnis besser als wer nur die Ziffern addiert.

Was ein Zeugnis nicht ist

Es ist keine Prognose. Die Noten in Klasse 5 sagen wenig über die in Klasse 9, und die Noten in Klasse 9 sagen wenig über das Leben. Es ist eine Rückmeldung über Leistungen in einem halben Jahr, kein Urteil über das Kind, unter bestimmten Bedingungen, gemessen von Menschen, die auch Fehler machen. Es ist nicht objektiv: Dieselbe Klassenarbeit bekommt bei zwei Lehrkräften unterschiedliche Noten, das ist vielfach nachgewiesen, und die Note hängt auch davon ab, in welcher Klasse ein Kind sitzt, weil Lehrkräfte innerhalb der Gruppe vergleichen. Und es ist nicht der Grund, warum Eltern ihre Kinder lieben. Kinder wissen das theoretisch. Sie glauben es nur, wenn sie es am Tisch erleben.

Das Gespräch am Tisch

Öffnen Sie das Zeugnis gemeinsam, nicht allein und nicht mit dem Kind wartend daneben. Fragen Sie zuerst, was das Kind selbst darüber denkt, bevor Sie etwas sagen. Es weiß meist genau, wo es steht, und es hat sich seine Gedanken schon gemacht. Loben Sie konkret, nicht das Zeugnis insgesamt, sondern das, was dahintersteht: die Zwei in Englisch, für die es dieses Halbjahr wirklich geübt hat, die Verbesserung in Mathe, die Kopfnote, die zeigt, dass es zuverlässig war. Und sprechen Sie über die schlechten Noten sachlich, mit der Frage nach dem Warum, nicht mit der Frage nach der Schuld. Eine Vier hat Ursachen, und die sind interessanter als die Enttäuschung.

Was Sie lassen sollten: das Zeugnis mit Geld belohnen oder mit Entzug bestrafen. Beides macht Noten zur Währung zwischen Eltern und Kind, und Kinder lernen daraus, dass Lernen etwas ist, wofür man bezahlt wird oder bestraft. Wer Zeugnisse feiern will, feiert den Tag, nicht die Ziffern: ein Essen, ein Ausflug, unabhängig davon, was drinsteht, weil ein Halbjahr Arbeit vorbei ist. Das ist die Botschaft, die trägt.

Der Blick über mehrere Zeugnisse

Ein einzelnes Zeugnis sagt wenig, eine Reihe sagt viel. Legen Sie die Zeugnisse der letzten zwei, drei Jahre nebeneinander und schauen Sie auf Bewegungen statt auf Stände. Ein Fach, das von der Zwei über die Drei zur Vier gewandert ist, erzählt eine Geschichte, meist die einer Lücke, die sich seit einem bestimmten Halbjahr vergrößert. Ein Kind, dessen Noten in allen Fächern gleichzeitig um eine Stufe gerutscht sind, hat selten ein fachliches Problem; da ist etwas anderes passiert, in der Klasse, zu Hause, in der Entwicklung. Und ein Kind, dessen Fachnoten stabil sind, während die Kopfnoten sinken, ist auf dem Weg in genau die Situation, die im nächsten Jahr die Fachnoten trifft. Diese Muster sieht man nur im Vergleich, und sie sind die eigentliche Information, die Zeugnisse liefern.

Wenn Sie eine Note für falsch halten

Noten sind Verwaltungsakte, und sie lassen sich überprüfen. Der erste Schritt ist immer das Gespräch mit der Fachlehrkraft, in dem Sie fragen, wie die Note zustande kam: Welche Arbeiten, welche mündlichen Leistungen, mit welcher Gewichtung. Lehrkräfte müssen die Notenbildung erläutern können, und in den meisten Fällen klärt sich die Sache dabei, in die eine oder andere Richtung. Wenn nicht, gibt es die Beschwerde bei der Schulleitung und, bei Abschlusszeugnissen und Versetzungsentscheidungen, den Widerspruch mit rechtsmittelfähiger Wirkung. Das ist bei einer Drei statt einer Zwei in Klasse 6 der falsche Weg. Bei einer Nichtversetzung oder einer Abschlussnote, die den Ausbildungsplatz kostet, ist es ein legitimer.

Das Zeugnis als Werkzeug

Ein Zeugnis ist am Ende nützlich, wenn man es als das nimmt, was es ist: eine Rückmeldung, die zeigt, wo ein Kind gerade steht, und die Frage stellt, was als Nächstes zu tun ist. Nichts, gar nichts, bei einem Kind, dessen Noten in Ordnung sind und das gern zur Schule geht, auch wenn die Noten keine Einsen sind. Ein Gespräch mit der Lehrkraft bei Noten, die nicht zum Kind passen, wie es der Ratgeber Elternsprechtag vorbereiten beschreibt. Gezielte Unterstützung bei einer echten Lücke, wie im Ratgeber Nachhilfe. Und die Frage nach der Schulform, wenn ein Zeugnis nach dem anderen zeigt, dass ein Kind an einem Ort ist, an dem es nur überlebt.

Der Umschlag auf dem Tisch. Dreißig Sekunden. Was das Kind in dieser Zeit sieht, ist nicht das Zeugnis. Es ist Ihr Gesicht.

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