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Waldorfschule: Konzept, Kosten, Abschlüsse und die Kritik

Wer zum ersten Mal eine Waldorfschule betritt, merkt meist sofort, dass hier etwas anders ist. Die Wände sind in sanften Farben lasiert, es hängen Aquarelle statt Poster, im Flur steht ein Webrahmen, aus einem Klassenraum kommt Flötenmusik. Manche Eltern sind auf der Stelle verliebt. Andere fühlen sich in eine Welt versetzt, die ihnen fremd bleibt. Beide Reaktionen sind ein guter Anfang, denn die Waldorfschule ist ein Konzept, das man wollen muss. Für Kinder, deren Eltern es nur halb wollen, wird es schwierig.

Woher das Konzept kommt

Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart für die Kinder der Arbeiter der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik gegründet, nach den Ideen des Philosophen Rudolf Steiner. Heute gibt es in Deutschland rund 250 Waldorfschulen mit etwa 90.000 Schülern, sie sind damit die größte Gruppe reformpädagogischer Schulen im Land. Alle sind Schulen in freier Trägerschaft, staatlich genehmigte oder anerkannte Ersatzschulen, und alle beruhen auf Steiners Anthroposophie, einer Weltanschauung, die den Menschen in Entwicklungsphasen von jeweils sieben Jahren denkt und die Pädagogik daran ausrichtet.

Man muss die Anthroposophie nicht teilen, um ein Kind auf eine Waldorfschule zu schicken, und die meisten Waldorf-Eltern tun das auch nicht. Aber man sollte wissen, dass sie das Fundament ist und sich in vielen Details des Alltags zeigt, vom Jahreszeitentisch bis zur Frage, wann Kinder lesen lernen. Wer damit grundsätzlich hadert, wird zwölf Jahre lang Reibung erleben.

Wie der Alltag aussieht

Die auffälligste Besonderheit ist der Epochenunterricht. Statt jeden Tag sechs verschiedene Fächer in 45-Minuten-Blöcken gibt es morgens einen Hauptunterricht von zwei Stunden, in dem über drei bis vier Wochen ein einziges Fach im Mittelpunkt steht, erst Deutsch, dann Mathematik, dann Geschichte. Danach folgen Fremdsprachen, künstlerische und handwerkliche Fächer und Eurythmie, eine Bewegungskunst, die es nur an Waldorfschulen gibt und die von außen oft belächelt, von den Schulen aber als Kern des Konzepts verstanden wird.

Der Klassenlehrer begleitet seine Klasse in den meisten Waldorfschulen von der ersten bis zur achten Klasse, an manchen bis zur sechsten. Das erzeugt eine Bindung, die Regelschulen nicht kennen, und es macht die Schule extrem abhängig von dieser einen Person. Eine gute Klassenlehrerin ist ein Geschenk für acht Jahre. Eine, mit der es nicht passt, ist ein Problem, das man nicht durch Abwarten löst.

Noten gibt es bis zur Oberstufe nicht, stattdessen ausführliche Textzeugnisse. Sitzenbleiben gibt es nicht, die Klasse bleibt zwölf Jahre zusammen. Lesen und Schreiben werden später eingeführt als an staatlichen Grundschulen, meist ab Mitte der ersten Klasse, dafür nehmen Handarbeit, Gartenbau, Musik und Theater einen Raum ein, den keine andere Schulform ihnen gibt. Jedes Kind spielt ein Instrument, in Klasse 8 steht ein großes Theaterstück, in Klasse 12 die Jahresarbeit, ein eigenes Projekt über ein Jahr, das öffentlich vorgestellt wird.

Die Abschlüsse

Hier lohnt es sich genau hinzuschauen, denn hier liegt das häufigste Missverständnis. Die Waldorfschule dauert zwölf Jahre und endet mit dem Waldorfabschluss, einem schulinternen Zeugnis ohne staatliche Anerkennung. Alle staatlichen Abschlüsse werden zusätzlich erworben: der Hauptschulabschluss und der mittlere Abschluss durch Prüfungen, die je nach Bundesland unterschiedlich organisiert sind, das Abitur in einem dreizehnten Schuljahr, in dem die Schüler auf die staatliche Abiturprüfung vorbereitet werden, die sie als Externe oder an der eigenen Schule unter staatlicher Aufsicht ablegen. Wer an einer Waldorfschule Abitur macht, macht dasselbe Abitur wie alle anderen. Die Vorbereitung darauf ist aber auf ein Jahr komprimiert, und das ist anspruchsvoll.

Der Anteil der Waldorfschüler, die das Abitur erreichen, liegt nach Angaben des Bundes der Freien Waldorfschulen deutlich über dem Bundesdurchschnitt, was allerdings auch mit der Herkunft der Schüler zu tun hat. Und nicht jede Waldorfschule führt bis zum Abitur; kleinere Schulen enden nach Klasse 12 oder kooperieren mit einer Nachbarschule. Fragen Sie das konkret.

Was es kostet

Waldorfschulen finanzieren sich aus staatlichen Zuschüssen und Elternbeiträgen. Die Beiträge sind einkommensabhängig gestaffelt und liegen meist zwischen 150 und 350 Euro im Monat pro Kind, dazu kommen Aufnahmebeiträge, Kosten für Instrumente, Klassenfahrten und Material, die an Waldorfschulen wegen des breiten künstlerischen Programms höher liegen als anderswo. Fast alle Schulen ermöglichen Familien mit geringem Einkommen deutlich reduzierte Beiträge, denn das Grundgesetz verbietet eine Auswahl nach den Besitzverhältnissen der Eltern, und die Waldorfbewegung nimmt das ernst. Was Schulgeld generell bedeutet und wie es steuerlich behandelt wird, steht im Ratgeber Private oder öffentliche Schule.

Und ein Kostenpunkt, der nicht in Euro zu messen ist: Waldorfschulen erwarten Mitarbeit. Elternabende sind gut besucht, Basare, Arbeitseinsätze am Gebäude, die Organisation von Festen laufen über die Elternschaft. Wer dafür weder Zeit noch Neigung hat, fällt auf.

Die Kritik

Sie ist real, und man sollte sie kennen. Der späte Lese- und Schreibbeginn wird von manchen Bildungsforschern kritisch gesehen, auch wenn Waldorfschüler den Rückstand in der Regel bis zur Mittelstufe aufholen. Der Einfluss der Anthroposophie auf Unterrichtsinhalte, etwa in Geschichte oder Naturkunde, ist umstritten, und Steiners Schriften enthalten Passagen, die heute als rassistisch gelten und von denen sich der Bund der Freien Waldorfschulen ausdrücklich distanziert hat. Die Haltung mancher Waldorfeltern zu Impfungen und Schulmedizin hat in der Pandemie Schlagzeilen gemacht, was die Schulen selbst zu spüren bekommen haben. Und die Qualität schwankt zwischen einzelnen Schulen erheblich, weil jede Waldorfschule selbstverwaltet ist, ohne Schulleitung im klassischen Sinn, mit einem Kollegium, das sich selbst führt. Das kann wunderbar funktionieren und kann in Dauerkonflikten enden.

Der Wechsel aus der Regelschule

Nicht alle Waldorfschüler beginnen in Klasse 1. Viele Familien kommen erst später, nach schlechten Erfahrungen an der Regelschule, oft mit Kindern, die unter Druck geraten sind. Waldorfschulen nehmen solche Kinder in der Regel auf, wenn Platz ist, und begleiten den Einstieg mit Probezeit und Gesprächen. Der Übergang ist aber nicht trivial: Ein Kind, das aus Klasse 5 eines Gymnasiums kommt, trifft auf Eurythmie, Handarbeit, Textzeugnisse und einen Klassenverband, der seit fünf Jahren zusammen ist. Manche blühen auf, manche brauchen ein Jahr. Sprechen Sie mit der Schule ehrlich über den Grund des Wechsels, denn eine Waldorfschule ist keine Therapie, und sie kann Kinder, die Struktur brauchen, mit ihrer Freiheit auch überfordern.

Für wen es passt

Für Kinder, die viel Bewegung, Musik, Gestalten und Zeit brauchen, um zu lernen, und für Kinder, denen der Leistungsdruck der Regelschule spürbar schadet. Für Familien, die ein ganzheitliches Konzept wollen und bereit sind, es mitzutragen, mit Zeit, mit Geld, mit einer gewissen Toleranz für Dinge, die man nicht restlos versteht. Weniger geeignet ist sie für Kinder, die sehr früh sehr schnell denken und Stoff brauchen, und für Familien, die Ziffernnoten und Vergleichbarkeit wollen, um zu wissen, wo ihr Kind steht.

Und für alle, die noch schwanken: Besuchen Sie nicht nur den Tag der offenen Tür mit seinen Aquarellen, sondern, wenn die Schule es erlaubt, einen normalen Vormittag. Sprechen Sie mit Eltern von Kindern in Klasse 8 und in Klasse 12, nicht nur mit denen der Erstklässler. Fragen Sie, wie der Übergang an eine Regelschule funktioniert hat, wenn eine Familie gewechselt hat, denn das kommt vor und ist nicht immer einfach. Und lesen Sie die Erfahrungsberichte zu den Waldorfschulen in Ihrer Region, die zeigen oft genau die Spannweite zwischen den Schulen, die kein Prospekt abbildet. Wenn Sie ein reformpädagogisches Konzept mit weniger weltanschaulichem Unterbau suchen, lohnt auch der Blick auf Montessori.

Der Webrahmen im Flur und die Flötenmusik sind übrigens ein guter Test. Wenn Sie beim Verlassen der Schule denken, hier würde ich mein Kind gern jeden Morgen abgeben, ist das ein Argument, das man ernst nehmen darf. Wenn Sie denken, das ist nicht meine Welt, dann ist es das auch nicht, und zwölf Jahre sind eine lange Zeit, um so zu tun als ob.

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