RatgeberAnmeldung

Schulwahl in NRW: Was freie Wahl in der Praxis bedeutet

Nordrhein-Westfalen ist das Bundesland, in dem Eltern am meisten entscheiden dürfen und am häufigsten überrascht sind, was das in der Praxis bedeutet. Freie Grundschulwahl, keine verbindliche Empfehlung, freie Wahl der weiterführenden Schule: Das klingt nach einem System, in dem der Elternwille regiert. Er regiert auch, bis zu dem Punkt, an dem eine Schule voll ist. Und dieser Punkt kommt in Köln, Düsseldorf, Münster oder Bonn schneller, als die Freiheit vermuten lässt.

Die Grundschule: frei, mit Einschränkungen

NRW hat 2008 die festen Grundschulbezirke abgeschafft. Seitdem können Eltern ihr Kind grundsätzlich an jeder Grundschule der Gemeinde anmelden, nicht nur an der nächstgelegenen. Die Anmeldung findet im Herbst des Vorjahres statt, meist zwischen Oktober und November, und schulpflichtig sind alle Kinder, die bis zum 30. September sechs Jahre alt werden. Der Stichtag ist einer der spätesten in Deutschland, und Kinder, die im September eingeschult werden, sind manchmal gerade erst sechs geworden.

Die Freiheit hat aber einen Rahmen: Jede Gemeinde muss allen Kindern einen Platz in einer Grundschule ihres Gebiets garantieren, und wenn eine Schule mehr Anmeldungen hat als Plätze, entscheidet sie nach Kriterien, die das Land vorgibt. Geschwisterkinder haben Vorrang, dann zählt die Wohnortnähe, dann ein ausgewogenes Verhältnis der Klassen. Wer eine beliebte Schule am anderen Ende der Stadt will, bekommt sie in der Regel nur, wenn Platz übrig ist. Das Recht auf freie Wahl ist damit in der Praxis ein Recht auf Bewerbung. Wer die zuständige Schule in der Nachbarschaft wählt, hat den Platz sicher; wer eine andere wählt, sollte eine Zweitwahl haben. Bekenntnisgrundschulen, katholische und evangelische, die es in NRW in großer Zahl gibt, dürfen zusätzlich nach Konfession auswählen, nehmen aber in der Praxis fast überall auch Kinder anderer oder ohne Konfession auf.

Die Empfehlung, die nicht bindet

Am Ende der vierten Klasse spricht die Grundschule in NRW eine Schulformempfehlung aus. Sie steht im Halbjahreszeugnis, sie beruht auf der Einschätzung der Klassenkonferenz, und sie ist ausdrücklich nur eine Empfehlung. Die Entscheidung über die weiterführende Schulform liegt bei den Eltern, ohne Probeunterricht, ohne Test, ohne Notengrenze. Ein Kind mit Hauptschulempfehlung kann am Gymnasium angemeldet werden, und das Gymnasium darf es deswegen nicht ablehnen, solange es Platz hat.

Was das System stattdessen eingebaut hat, ist die Erprobungsstufe. Die Klassen 5 und 6 gelten an allen weiterführenden Schulen als Erprobung, ohne Versetzung von 5 nach 6, und am Ende der sechsten Klasse entscheidet die Konferenz, ob das Kind an der Schulform bleibt oder wechseln soll. Wer gegen die Empfehlung ans Gymnasium geht, hat also zwei Jahre Zeit zu zeigen, dass es passt. Passt es nicht, wird das Kind an eine Realschule oder Sekundarschule verwiesen, und dieser Wechsel nach Klasse 6 ist in NRW häufig. Die Freiheit der Wahl in Klasse 4 wird zwei Jahre später überprüft. Das sollten Eltern wissen, bevor sie die Empfehlung ignorieren, und was ein solcher Wechsel für ein Kind bedeutet, beschreibt der Ratgeber Vom Gymnasium auf die Realschule.

Die Schulformen in NRW

Das Land hat eine ungewöhnlich breite Landschaft. Neben Gymnasium, Realschule und Hauptschule gibt es die Gesamtschule, die in NRW so stark ist wie in keinem anderen Land, mit mehr Schülern als die Realschule, und die Sekundarschule, 2011 eingeführt, die Haupt- und Realschule zusammenfasst und ohne eigene Oberstufe bis Klasse 10 führt, mit Kooperationen zu Gymnasien oder Berufskollegs für das Abitur. Die Hauptschule läuft in vielen Kommunen aus. Das Gymnasium ist seit dem Schuljahr 2019/20 wieder neunjährig, der erste G9-Jahrgang macht 2027 Abitur, und Eltern, deren Kinder jetzt wechseln, wählen also ein G9-Gymnasium, es sei denn, eine Schule hat sich ausdrücklich für den Verbleib bei G8 entschieden, was nur wenige getan haben. Was die Gesamtschule von anderen Wegen unterscheidet, steht im Ratgeber Gesamtschule oder Gymnasium.

Die Anmeldung: Reihenfolge ist alles

Hier liegt die eigentliche Kunst der Schulwahl in NRW, und sie wird von den Schulen selten erklärt. Die Anmeldung an weiterführenden Schulen findet im Februar statt, aber nicht für alle Schulformen gleichzeitig. In den meisten Kommunen melden die Gesamtschulen zuerst an, meist Ende Januar oder Anfang Februar, und entscheiden schnell, oft per Los, weil sie regelmäßig doppelt so viele Anmeldungen haben wie Plätze. Wer dort abgelehnt wird, hat dann noch die Möglichkeit, das Kind bei Gymnasium, Realschule oder Sekundarschule anzumelden, deren Anmeldefristen einige Wochen später liegen.

Praktisch bedeutet das: Wer eine Gesamtschule als Wunsch hat, sollte parallel wissen, welches Gymnasium oder welche Realschule die Zweitwahl ist, denn zwischen Absage und Zweitanmeldung bleiben oft nur Tage. Gesamtschulen wählen dabei nicht rein zufällig aus; das Schulgesetz verpflichtet sie, bei den Aufnahmen die Leistungsheterogenität abzubilden, also Kinder mit allen drei Empfehlungen aufzunehmen, und Geschwister haben Vorrang. Ein Kind mit Gymnasialempfehlung hat an einer stark nachgefragten Gesamtschule oft bessere Chancen als eines mit Hauptschulempfehlung, weil Erstere seltener sind.

Gymnasien nehmen in vielen Städten ebenfalls mehr Anmeldungen entgegen, als sie Plätze haben, und lehnen dann ab, mit Verweis auf ein anderes Gymnasium der Stadt. Auch hier gilt: Geschwister, dann Wohnortnähe oder Schulweg, dann Kriterien, die die Schule selbst festlegt, etwa das Profil. Wer die Anmeldezahlen des Vorjahres kennt, und die Schulen nennen sie am Tag der offenen Tür, wenn man fragt, kann realistisch planen.

Ein Blick auf die Zahlen

Wie stark der Elternwille die Verteilung prägt, zeigt NRW deutlicher als jedes andere Land. Mehr als vier von zehn Viertklässlern wechseln ans Gymnasium, an manchen Standorten in Köln, Düsseldorf oder Münster deutlich mehr als die Hälfte, und die Übertrittsquote liegt spürbar über dem Anteil der Kinder mit Gymnasialempfehlung. Ein Teil dieser Differenz zeigt sich zwei Jahre später in den Erprobungsstufenkonferenzen. Die Gesamtschule hat dabei den Wandel geschafft, den kaum jemand vorhergesagt hat: Sie nimmt inzwischen mehr Kinder auf als die Realschule und ist in vielen Städten die zweite Säule neben dem Gymnasium. Für die Hauptschule bleibt in dieser Landschaft immer weniger Raum, und viele Kommunen haben sie ganz aufgegeben.

Was die Freiheit für Eltern bedeutet

Sie bedeutet Verantwortung, die anderswo das System übernimmt. In Bayern sagt das Zeugnis, wohin es geht; in NRW sagen es die Eltern, und sie müssen dafür wissen, ob ihr Kind am Gymnasium zwei Jahre Erprobungsstufe durchsteht. Das ist eine ehrliche Einschätzung, keine Wunschentscheidung, und die Klassenleitung der Grundschule ist dafür die wichtigste Quelle. Nehmen Sie die Empfehlung ernst, auch wenn sie nicht bindet. Ein Kind, das mit Realschulempfehlung ans Gymnasium geht und dort in Klasse 6 gehen muss, hat zwei Jahre erlebt, die es nicht brauchte.

Und sie bedeutet, dass die konkrete Schule wichtiger ist als die Schulform. In einer Stadt mit acht Gymnasien unterscheiden sich diese untereinander stärker als ein Gymnasium von einer guten Gesamtschule. Besuchen Sie die Tage der offenen Tür, die in NRW zwischen November und Januar liegen, fragen Sie nach Anmeldezahlen, Ablehnungsquoten und Erprobungsstufen-Wechseln, und lesen Sie, was Eltern berichten. Die Erfahrungsberichte auf Schulerfahrung.com zu Schulen in NRW zeigen oft genau das, was im Anmeldeverfahren zählt: wie eine Schule mit einem Kind umgeht, das in Klasse 6 wackelt, ob der Ganztag der Gesamtschule im Alltag funktioniert, ob die Losentscheidung transparent war.

Freie Wahl in NRW ist am Ende ein Recht, das man nutzen muss, um es zu haben. Wer die Reihenfolge der Anmeldungen kennt, eine ehrliche Zweitwahl hat und die Empfehlung als Information statt als Zumutung liest, hat in diesem System die besten Karten. Wer glaubt, die Freiheit bedeute, dass das Kind einfach dort landet, wo die Eltern es hinschreiben, erlebt im Februar eine Überraschung.

Wie ist die Schule vor Ort wirklich?

Finde deine Schule und lies echte, verifizierte Erfahrungen von Eltern und Schülern.

Schule finden