Gesamtschule oder Gymnasium: Wer die Prognose nicht wagen will
Erstaunlich viele Eltern mit Gymnasialempfehlung sitzen auf dem Infoabend der Gesamtschule. Sie sind nicht aus Verlegenheit hier. Sie sind da, weil sie eine Frage haben, die das dreigliedrige Schulsystem nicht beantwortet. Muss man mit zehn schon wissen, wohin es geht? Die Gesamtschule sagt nein. Ob dies für Ihr Kind das richtige Nein ist, hängt von einigen Dingen ab, die auf dem Infoabend selten zur Sprache kommen.
Was eine Gesamtschule ist, und was nicht
Die Integrierte Gesamtschule (IGS) nimmt alle Kinder nach der Grundschule gemeinsam auf, ohne Empfehlung oder Notenschnitt, und führt sie bis zu einem passenden Abschluss: Erster Schulabschluss, mittlerer Abschluss oder, wenn eine Oberstufe angeschlossen ist, Abitur nach dreizehn Jahren. Die Idee stammt aus den Siebzigerjahren und ist in einem Bundesland zur Normalität geworden. In Nordrhein-Westfalen besuchen inzwischen mehr Kinder eine Gesamtschule als eine Realschule. In Städten wie Köln oder Dortmund ist die Gesamtschule die meistgewählte Schulform nach dem Gymnasium. In Hessen, Niedersachsen, Berlin und Hamburg gibt es sie unter verschiedenen Namen ebenfalls flächendeckend. In Bayern und Sachsen hingegen so gut wie gar nicht.
Gemeinsames Lernen bedeutet nicht, dass alle dasselbe machen. Spätestens ab Klasse 7, oft schon ab Klasse 6, werden die Kernfächer in Kursen auf zwei oder drei Niveaus unterrichtet. Ein Kind kann beispielsweise in Mathematik im Erweiterungskurs und in Englisch im Grundkurs sitzen. Es kann auch zwischen den Niveaus wechseln, sowohl nach oben als auch nach unten, ohne die Schule zu verlassen. Das ist der eigentliche Kern des Modells: Die Entscheidung über den Abschluss wird nicht mit zehn Jahren getroffen, sondern zieht sich über mehrere Jahre und richtet sich nach der tatsächlichen Entwicklung des Kindes.
Wofür sich Eltern eigentlich entscheiden
Die Frage Gesamtschule oder Gymnasium ist meistens eine andere Frage in Verkleidung. Sie lautet: Trauen wir uns die Prognose zu?
Ein Kind, das in der vierten Klasse ohne Anstrengung Einsen und Zweien schreibt, freiwillig liest und bei neuen Aufgaben neugierig statt ängstlich wird, ist in der Regel gut am Gymnasium aufgehoben. Für dieses Kind hat die Gesamtschule keinen Nachteil, aber auch keinen zwingenden Vorteil. Bei einem Kind, dessen Noten schwanken, das im Herbst eine Zwei und im Frühjahr eine Vier schreibt, das mal früh und mal spät dran ist, das man in vier Jahren noch nicht einschätzen kann, verschiebt die Gesamtschule eine Entscheidung, die man in diesem Moment nicht gut treffen kann. Das ist kein Ausweichen. Es ist eine ehrliche Antwort auf eine Unsicherheit, die man sich eingesteht.
In der Debatte wird ein Punkt oft übersehen: Ein Wechsel nach unten ist am Gymnasium möglich, bedeutet aber einen Wechsel der Schule, der Klasse und der Freunde. An der Gesamtschule ist der Wechsel des Niveaus dagegen ein Verwaltungsvorgang. Kein Kind muss die Schule verlassen, weil es in Mathe nicht mitkommt. Für Familien, die diese Situation aus der eigenen Kindheit kennen, ist das oft das entscheidende Argument.
Was die Gesamtschule gut kann
Gesamtschulen sind in der Regel Ganztagsschulen, an drei oder vier Tagen pro Woche findet Unterricht am Nachmittag statt. Das ist für berufstätige Eltern eine Erleichterung und für viele Kinder ein Gewinn, da Übungszeiten, Förderung und Arbeitsgemeinschaften in den Schulalltag integriert sind und Hausaufgaben zu Hause weitgehend entfallen. In der Regel verfügen sie über ausgebaute Systeme für Förderung und Beratung, Sozialpädagogen vor Ort und Klassenlehrerteams, die eine Klasse über mehrere Jahre hinweg begleiten. Zudem bilden sie die soziale Struktur der Gesellschaft ab. Diese Tatsache wird von Eltern unterschiedlich bewertet, ist für Kinder jedoch eine Erfahrung, die ihnen das Gymnasium in dieser Form nicht bietet.
In den meisten Vergleichen schneiden Gesamtschüler beim Abitur etwas schwächer ab als Gymnasiasten, was angesichts der unterschiedlichen Ausgangslage kaum überrascht. Wer die Zahlen um die Herkunft der Schüler bereinigt, stellt jedoch nur geringe Unterschiede fest. Ein Abitur von der Gesamtschule ist rechtlich dasselbe Abitur, es wird nach denselben Standards abgenommen, in NRW mit denselben zentralen Prüfungen.
Was das Gymnasium besser kann
Ehrlicherweise: einiges, für bestimmte Kinder. Das Gymnasium arbeitet ab Klasse 5 auf ein Ziel hin, das alle teilen. Das Tempo ist höher, die Mitschüler sind im Schnitt leistungsstärker. Für ein Kind, das schnell denkt und sich langweilt, wenn es warten muss, ist das ein besseres Umfeld. Die Fremdsprachen setzen früher ein, die Wahlmöglichkeiten in der Oberstufe sind oft breiter und Musik- sowie Sprachprofile sind an vielen Gymnasien stärker ausgeprägt. Und für Familien, in denen das Abitur selbstverständlich ist, fühlt sich der direkte Weg schlicht natürlicher an.
Der Preis dafür ist: Wer nicht mitkommt, muss gehen. Anders als die Gesamtschule hat das Gymnasium kein Auffangnetz im eigenen Haus und der Abschulungsdruck in den Klassen 6 und 7 ist an manchen Gymnasien beträchtlich. In Regionen, in denen fast alle Kinder mit einer Gymnasialempfehlung in die fünfte Klasse kommen, ist die Bandbreite der Leistungsstärke größer als das System vorsieht, und die Schwächeren zahlen dafür.
Die praktische Hürde: der Platz
In vielen Städten ist die Gesamtschule die Schulform mit den meisten Anmeldungen - und Absagen. Kölner Gesamtschulen lehnen Jahr für Jahr Hunderte Kinder ab, in Hamburg und Berlin ist das Losverfahren an beliebten Stadtteilschulen und Sekundarschulen die Regel. Wer eine bestimmte Gesamtschule möchte, sollte das Anmeldeverfahren genau kennen, Erst- und Zweitwunsch strategisch setzen und einen Plan B haben, der keine Verlegenheitslösung ist. Einige Schulen bevorzugen Kinder aus dem Einzugsgebiet, andere achten auf eine ausgewogene Mischung der Empfehlungen und fast alle geben Geschwistern Vorrang. Fragen Sie nach, wie die Schule im Vorjahr ausgewählt hat.
Zwei Fragen, die Eltern mir am häufigsten stellen
Wird mein Kind mit Gymnasialempfehlung an der Gesamtschule ausgebremst? In einem gut geführten Erweiterungskurs nicht, denn die Oberstufe einer Gesamtschule arbeitet nach denselben Vorgaben wie die eines Gymnasiums. Was allerdings fehlt, ist das Umfeld aus lauter leistungsstarken Kindern, und für manche Kinder ist genau dieses Umfeld der Motor. Ob Ihr Kind dazugehört, wissen Sie besser als jeder Ratgeber.
Und was passiert, wenn die Gesamtschule keine eigene Oberstufe hat? Dann wechseln die Schüler nach der zehnten Klasse auf ein Gymnasium oder ein berufliches Gymnasium. Die Gesamtschule sollte Ihnen sagen können, wohin ihre Zehntklässler in den letzten Jahren gegangen sind und wie viele von ihnen das Abitur gemacht haben. Wenn sie diese Informationen nicht bereitstellen kann, ist das eine Antwort für sich.
Wie Sie entscheiden
Schauen Sie sich die konkreten Schulen an, nicht die Schulformen. Eine mittelmäßige Gesamtschule mit hoher Fluktuation kann für ein Kind schlechter sein als ein fürsorgliches Gymnasium. Umgekehrt kann eine exzellente Gesamtschule mit stabilem Kollegium besser sein als ein Gymnasium, an dem die Hälfte der Fünftklässler nach zwei Jahren weg ist. Fragen Sie an der Gesamtschule, wie viele Kinder eines Jahrgangs am Ende das Abitur machen und wie der Übergang in die Oberstufe organisiert ist. Fragen Sie am Gymnasium, wie viele Kinder die Schule bis zur 7. Klasse verlassen und wie die Schwächeren begleitet werden. Beide Zahlen sagen mehr aus als jeder Prospekt.
Und lesen Sie, was andere Eltern erlebt haben. Die Schulbewertungen zu Gesamtschulen und Gymnasien in Ihrer Umgebung zeigen häufig genau die Muster, die auf keinem Infoabend thematisiert werden. Zum Beispiel, wie die Schule mit einem Kind umgeht, das abrutscht, ob das Ganztagskonzept im Alltag trägt oder wie es um den Unterrichtsausfall steht. Unser Ratgeber Gymnasium oder Realschule beantwortet die Frage nach der Schulform aus einer anderen Perspektive. Die Gemeinschaftsschule als verwandtes Modell hat einen eigenen Text.
Zurück zum Infoabend mit den vielen Gymnasialempfehlungen im Publikum. Die Eltern haben verstanden, dass eine Empfehlung mit zehn eine Vermutung ist, keine Gewissheit. Ob sie ihr Kind trotzdem ans Gymnasium oder an die Gesamtschule schicken, hängt weniger davon ab, welche Schulform besser ist, sondern vielmehr davon, wie viel Unsicherheit sie und ihr Kind aushalten können. Beides sind gute Gründe. Man sollte nur wissen, welcher einen gerade leitet.
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