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Übertritt in Bayern: Notenschnitt, Probeunterricht und die zweite Chance

Kein anderes Bundesland hat ein Wort wie Grundschulabitur hervorgebracht, und kein anderes hätte es nötig gehabt. In Bayern entscheidet am Ende der vierten Klasse ein Zeugnis mit einem Notenschnitt auf zwei Nachkommastellen darüber, welche Schulart ein Kind besuchen darf. Eltern in Hannover oder Köln kennen den Druck, den das erzeugt, nur vom Hörensagen. Eltern in Augsburg oder Regensburg leben ihn ab dem Herbst der dritten Klasse. Dieser Text erklärt das Verfahren so, wie es ist, mit seinen Zahlen und seinen Auswegen.

Drei Schularten, drei Grenzen

Bayern hält am gegliederten System fest: Nach der vierten Klasse führen drei Wege weiter. Das Gymnasium, seit dem Schuljahr 2018/19 wieder neunjährig, mit dem ersten G9-Abitur im Sommer 2026. Die Realschule, sechs Jahre bis zum mittleren Abschluss. Und die Mittelschule, die zum Mittelschulabschluss, zum qualifizierenden Abschluss und über den M-Zug auch zum mittleren Abschluss führt. Gesamtschulen gibt es praktisch nicht, Gemeinschaftsschulen auch nicht.

Der Zugang wird über das Übertrittszeugnis geregelt, das Anfang Mai der vierten Klasse ausgegeben wird. Es enthält den Durchschnitt aus den Jahresfortgangsnoten in Deutsch, Mathematik und Heimat- und Sachunterricht. Bei 2,33 oder besser lautet die Eignung Gymnasium. Bei 2,66 Realschule. Bei 3,0 oder schlechter Mittelschule. Diese Grenzen sind seit Jahren stabil, und sie sind das, was Eltern meinen, wenn sie vom Notenschnitt sprechen. Rechnen Sie es einmal durch: Eine Zwei, eine Zwei und eine Drei ergeben 2,33, und das Kind darf ans Gymnasium. Eine Zwei, eine Drei und eine Drei ergeben 2,66, und es darf nicht. Der Unterschied ist eine einzige Note in einem einzigen Fach.

Wie das Zeugnis zustande kommt

Der Schnitt speist sich aus den Proben, also den schriftlichen Leistungsnachweisen, die in der vierten Klasse bis zum Übertrittszeugnis geschrieben werden. In Deutsch und Mathematik sind es bis Anfang Mai in der Regel um die zehn bis zwölf Proben, in Heimat- und Sachunterricht weniger, dazu mündliche und praktische Leistungen. Jede Probe zählt. Das ist der Grund, warum die Übertrittsphase in Bayern schon im Herbst beginnt: Ein schwacher Start in der vierten Klasse ist bis Mai kaum aufzuholen, und viele Familien beginnen deshalb bereits in der dritten Klasse, die Noten zu beobachten. Die Proben werden angekündigt, meist eine Woche vorher, und dürfen pro Woche eine bestimmte Anzahl nicht überschreiten; das Kultusministerium hat die Zahl in den letzten Jahren begrenzt, um den Druck zu senken.

Begleitet wird die Phase durch Informationsabende der Grundschulen im Herbst, ein Beratungsgespräch mit der Klassenleitung, in dem die Lehrkraft ihre Einschätzung gibt, und eine Zwischeninformation im Januar, die den aktuellen Notenstand zeigt. Wer im Januar sieht, dass der Schnitt bei 2,66 steht und das Gymnasium das Ziel ist, hat noch vier Monate und muss sie nutzen. Wie, steht im Ratgeber Nachhilfe, und er enthält auch die Warnung, die in Bayern besonders gilt: Ein Kind, das die 2,33 nur mit täglichem Üben und Tränen schafft, wird am Gymnasium nicht glücklich.

Der Probeunterricht

Wer den Schnitt nicht erreicht, aber die höhere Schulart will, kann sein Kind zum Probeunterricht anmelden. Er findet Mitte Mai an den aufnehmenden Schulen statt, dauert drei Tage und wird mit landesweit einheitlichen Aufgaben durchgeführt. An zwei Tagen werden schriftliche Arbeiten in Deutsch und Mathematik geschrieben, am dritten Tag findet ein Unterrichtsgespräch statt, in dem die Lehrkräfte die mündliche Beteiligung beobachten.

Bestanden ist der Probeunterricht, wenn das Kind in einem Fach mindestens eine Drei und im anderen mindestens eine Vier erreicht. Bei zwei Vieren ist er nicht bestanden, aber dann greift die Regel, die viele Eltern nicht kennen: In diesem Fall dürfen die Eltern trotzdem entscheiden, ob das Kind die Schulart besucht, auf eigene Verantwortung. Erst bei einer Fünf in einem Fach ist der Weg zu. Für die Realschule gelten dieselben Regeln.

Die Zahlen, die das Kultusministerium veröffentlicht, sind hier aufschlussreich, und sie relativieren die Angst vor dem Zeugnis: Kinder, die über den Probeunterricht ans Gymnasium kommen, bestehen die fünfte Klasse zu rund 90 Prozent. Kinder mit regulärer Gymnasialeignung zu etwa 95 Prozent. Der Unterschied existiert, aber er ist klein, und er zeigt, dass ein Schnitt von 2,66 keine Aussage über die Eignung eines Kindes trifft, die man auf zwei Nachkommastellen ernst nehmen sollte. Wie man die Eignung stattdessen einschätzt, beschreibt der Ratgeber Gymnasium oder Realschule.

Die zweite Chance in Klasse 5

Bayern hat eine Gelenkstelle eingebaut, die im Übertrittsstress oft übersehen wird: die fünfte Klasse. Wer in der Mittelschule ein sehr gutes erstes Jahr macht, kann mit dem Jahreszeugnis der fünften Klasse an die Realschule oder ans Gymnasium wechseln, ebenso von der Realschule ans Gymnasium, jeweils mit eigenen Notengrenzen in den Kernfächern, die etwas anders liegen als beim Übertritt nach Klasse 4. Die Wechselquoten sind niedrig, weil Kinder nach einem Jahr selten wechseln wollen, aber der Weg existiert, und für Kinder, die in Klasse 4 knapp gescheitert sind, ist er real. Umgekehrt gibt es an Gymnasien und Realschulen die Vorrückungsentscheidung am Ende der fünften Klasse, nach der Kinder, die nicht mitkommen, die Schulart wieder verlassen. Bayern sortiert also zweimal, nach Klasse 4 und nach Klasse 5, und beide Male in beide Richtungen.

Der Fahrplan

September bis November der vierten Klasse: Informationsabende der Grundschulen, erste Proben. Dezember bis Januar: Zwischeninformation mit Notenstand, Beratungsgespräche. Januar bis März: Tage der offenen Tür an Gymnasien und Realschulen, für die man sich in beliebten Städten frühzeitig anmelden sollte. Anfang Mai: Übertrittszeugnis. Direkt danach, meist innerhalb einer Woche: Anmeldung an der weiterführenden Schule, in München und anderen Großstädten teils mit Wunschlisten, weil Gymnasien überlaufen sind. Mitte Mai: Probeunterricht für Kinder ohne passende Eignung. Ende Mai bis Juni: Ergebnis des Probeunterrichts und endgültige Aufnahme.

Praktisch heißt das: Wer eine bestimmte Schule will, besucht sie im Winter, meldet sich für den Tag der offenen Tür an und kennt das Anmeldeverfahren, bevor das Zeugnis kommt. Und wer den Probeunterricht als Option sieht, meldet das Kind dafür an, sobald das Zeugnis den Schnitt verfehlt, denn die Frist ist kurz.

Was das System mit Familien macht

Ich will hier nichts beschönigen. Das bayerische Verfahren ist das strengste der Republik, und es erzeugt in vierten Klassen einen Leistungsdruck, den Kinder in anderen Ländern nicht kennen. Studien zeigen, dass in Ländern mit notengebundenem Übertritt die gemessenen Kompetenzen der Viertklässler etwas höher liegen; sie zeigen auch, dass Nachhilfe in bayerischen Grundschulen verbreiteter ist als anderswo und dass die soziale Herkunft den Übertritt stark beeinflusst, weil Familien mit Ressourcen den Schnitt eher erreichen. Befürworter sagen, das System sortiere treffsicher und schütze Kinder vor Überforderung am Gymnasium. Kritiker sagen, es entscheide mit zehn über Lebenswege und mache aus einer Grundschule eine Prüfungsanstalt. Beide haben recht, und beide Positionen sollte man kennen, wenn man in Bayern ein Kind in der vierten Klasse hat.

Was Eltern in diesem System tun können, ist begrenzt, aber es ist etwas. Den Druck zu Hause nicht verdoppeln, denn die Schule liefert davon genug. Das Kind ehrlich einschätzen und die Realschule als das behandeln, was sie ist, ein guter Weg mit offenem Anschluss, wie der Ratgeber Berufliches Gymnasium zeigt, und in Bayern zusätzlich über die Fachoberschule und Berufsoberschule. Die konkreten Schulen anschauen, denn ein Gymnasium in Bayern ist nicht wie das andere, und Erfahrungen anderer Eltern zu den Schulen in der Umgebung zeigen, welche Schule Kinder in der fünften Klasse trägt und welche sie durchreicht. Und den Probeunterricht als das nehmen, was er ist: eine zweite Chance mit guten Quoten, keine Strafe.

Das Grundschulabitur ist ein hässliches Wort für ein reales Problem. Aber der Notenschnitt entscheidet, wo ein Kind mit zehn anfängt. Er entscheidet nicht, wo es mit zwanzig steht. Auch in Bayern nicht, und dort haben die Zahlen es bewiesen.

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