Schule in Baden-Württemberg: Vom neuen Stichtag bis zur Schulwahl nach Klasse 4
Baden-Württemberg hat in den letzten fünfzehn Jahren mehr an seinem Schulsystem verändert als jedes andere Flächenland, und Eltern, deren älteres Kind vor zehn Jahren eingeschult wurde, finden heute ein anderes System vor. Der Stichtag ist gewandert, die Grundschulempfehlung wurde abgeschafft und in neuer Form wieder eingeführt, das Gymnasium kehrt zu neun Jahren zurück, und eine Schulform, die es vorher nicht gab, hat sich flächendeckend etabliert. Wer heute ein Kind durch das baden-württembergische System begleitet, sollte den aktuellen Stand kennen, nicht den der Geschwister.
Der neue Stichtag
Bis 2020 wurden in Baden-Württemberg Kinder eingeschult, die bis zum 30. September sechs wurden. Das Land hat den Stichtag dann in drei Schritten zurückverlegt, nachdem Lehrkräfte und Eltern die sehr jungen Erstklässler als überfordert erlebt hatten. Seit dem Schuljahr 2023/24 gilt der 30. Juni: Schulpflichtig ist, wer bis dahin sechs Jahre alt wird. Kinder mit Geburtstag zwischen Juli und dem folgenden Juni sind Kann-Kinder, die auf Antrag vorzeitig eingeschult werden können, wenn die Schule den Entwicklungsstand für ausreichend hält. Die Rückstellung eines schulpflichtigen Kindes bleibt auf Antrag mit Begründung möglich. Was Schulfähigkeit heißt und wann welche Entscheidung sinnvoll ist, ordnet der Ratgeber Kann-Kinder und Rückstellung ein.
Die Anmeldung an der Grundschule läuft über den Schulbezirk, den die Kommune festlegt, meist im Frühjahr vor der Einschulung; ein Antrag auf eine andere Grundschule ist möglich und wird bei nachvollziehbaren Gründen häufig genehmigt. Die Einschulungsuntersuchung des Gesundheitsamts findet in Baden-Württemberg früh statt, oft schon im Jahr vor der Einschulung mit einem zweiten Schritt kurz davor, und sie ist verpflichtend.
Die Schulformen: eine Landschaft im Umbau
Nach der vierten Klasse führen in Baden-Württemberg vier Wege weiter. Die Werkrealschule, ehemals Hauptschule, die in vielen Regionen ausläuft. Die Realschule, die seit 2016 auch den Hauptschulabschluss anbietet und auf zwei Niveaus unterrichtet. Die Gemeinschaftsschule, 2012 eingeführt, inzwischen rund 300 im Land, die alle Kinder gemeinsam auf drei Niveaus unterrichtet und ohne Empfehlung aufnimmt; wie sie funktioniert, beschreibt der Ratgeber Gemeinschaftsschule. Und das Gymnasium, das nach zwei Jahrzehnten G8 zum neunjährigen Weg zurückkehrt: Seit dem Schuljahr 2025/26 starten die fünften und sechsten Klassen im neuen G9, die höheren Jahrgänge beenden ihr G8. Wer jetzt wechselt, wählt also ein neunjähriges Gymnasium.
Eine Besonderheit, die das Land prägt: Baden-Württemberg hat das am stärksten ausgebaute berufliche Schulwesen der Republik. Mehr Abiturienten als in jedem anderen Land kommen über berufliche Gymnasien, und der Weg Realschule, mittlerer Abschluss, Wirtschafts- oder Technisches Gymnasium, Abitur ist hier so normal, dass niemand ihn als Umweg empfindet. Für Eltern, die in der vierten Klasse zwischen Realschule und Gymnasium schwanken, ist das die wichtigste Information des Landes. Mehr dazu im Ratgeber Berufliches Gymnasium.
Das Übergangsverfahren: zwei von drei
Bis 2012 hatte Baden-Württemberg eine verbindliche Grundschulempfehlung, danach entschieden die Eltern frei, und seit dem Schuljahr 2024/25 gilt ein Verfahren, das beides verbindet. Drei Elemente zählen: der Wille der Eltern, die pädagogische Gesamtwürdigung der Klassenkonferenz und das Ergebnis von Kompass 4, einer landesweiten Kompetenzmessung in Deutsch und Mathematik, die alle Viertklässler im November an zwei Tagen schreiben, 45 Minuten pro Fach. Die Ergebnisse werden in den Beratungsgesprächen besprochen, und mit der Halbjahresinformation Anfang Februar erhalten die Eltern die schriftliche Rückmeldung, welche Schulart die Schule empfiehlt und wie das Kind in Kompass 4 abgeschnitten hat.
Für die Anmeldung am Gymnasium müssen zwei der drei Elemente dafür sprechen. Elternwille plus Gesamtwürdigung reicht, Elternwille plus Kompass-4-Ergebnis reicht, der Elternwille allein reicht nicht mehr. Wer nur ihn hat, kann das Kind im Februar zum Potenzialtest an einem Gymnasium anmelden, mit Aufgaben in Deutsch, Mathematik und logischem Denken, erstellt vom Institut für Bildungsanalysen des Landes, und dieser Test entscheidet endgültig. Die Zahlen des Kultusministeriums vom März 2026: 2.744 von rund 100.000 Viertklässlern haben teilgenommen, 518 haben bestanden, 19 Prozent, gegenüber 31 Prozent im Vorjahr. Der Test ist also eine echte zweite Chance, aber keine Formsache, und das Ministerium sagt offen, dass er auch dazu dient, Kinder vor einer absehbaren Überforderung zu bewahren.
Für Realschule und Gemeinschaftsschule gilt das Verfahren nicht; dort entscheiden die Eltern frei. Wer das Gymnasium will und die zwei Elemente nicht zusammenbekommt, hat mit der Gemeinschaftsschule mit Oberstufe oder mit dem Weg Realschule plus berufliches Gymnasium zwei realistische Wege zum Abitur, die in Baden-Württemberg besser ausgebaut sind als irgendwo sonst.
Der Fahrplan in Klasse 4
September bis Oktober: Informationsveranstaltungen der Grundschulen über die weiterführenden Schularten. Mitte bis Ende November: Kompass 4, an zwei Vormittagen, mit Nachterminen in der Folgewoche. Dezember bis Januar: Beratungsgespräche der Klassenleitung mit den Eltern. Anfang Februar: Halbjahresinformation mit der schriftlichen Rückmeldung zum weiteren Bildungsweg. Direkt danach, innerhalb weniger Schultage: Entscheidung, ob das Kind am Potenzialtest teilnehmen soll, Anmeldung am durchführenden Gymnasium. Ende Februar: Potenzialtest, Ergebnis schriftlich. Anfang bis Mitte März: Anmeldung an der weiterführenden Schule, meist an zwei Tagen landesweit. Die Tage der offenen Tür der weiterführenden Schulen liegen zwischen Januar und Februar, also mitten in dieser Phase, und wer sie nutzen will, plant sie in den Kalender, bevor die Ergebnisse kommen.
Ganztag, Hort und die Kommunen
Baden-Württemberg hat den Ganztag an Grundschulen lange über die Kommunen organisiert, mit einer Vielfalt an Modellen von der verlässlichen Grundschule mit Betreuung bis 14 Uhr über den Hort bis zur Ganztagsgrundschule in Wahlform. Der bundesweite Rechtsanspruch seit 2026/27 trifft hier auf ein System, das regional sehr unterschiedlich ausgebaut ist: In Stuttgart, Mannheim oder Freiburg sind Ganztagsplätze verbreitet, in ländlichen Gemeinden ist die Betreuung bis 14 Uhr noch häufig das einzige Angebot. Fragen Sie bei der Anmeldung konkret nach dem Modell und den Ferienzeiten, und melden Sie die Betreuung parallel zur Schule an. Was die Modelle unterscheidet, steht im Ratgeber Ganztagsschule.
Was das für Familien heißt
Baden-Württemberg hat sich mit dem neuen Verfahren zwischen Bayern und Nordrhein-Westfalen positioniert: strenger als die Elternwahl, milder als die Notengrenze. Für Eltern bedeutet das, dass sie zwei Dinge gleichzeitig tun müssen, was in anderen Ländern nur eines ist. Sie müssen die Einschätzung der Schule ernst nehmen, weil sie zählt, und sie müssen das Kind selbst ehrlich einschätzen, weil ihr Wille zählt. Ein Kind, das in Kompass 4 knapp unter der Gymnasialgrenze liegt und dessen Lehrerin die Realschule empfiehlt, kommt über den Potenzialtest vielleicht ans Gymnasium. Ob es dort gut aufgehoben ist, sagt der Test nicht, und er sagt es auch nicht bei den 19 Prozent, die bestehen. Diese Frage beantwortet der Ratgeber Gymnasium oder Realschule, und sie beantworten die Eltern, die vor Ihnen an derselben Schule waren. Ihre Erfahrungen auf Schulerfahrung.com zeigen, wie ein Gymnasium in Stuttgart oder Freiburg mit den Fünftklässlern umgeht, die über den Potenzialtest gekommen sind, und wie eine Gemeinschaftsschule ihre Oberstufe organisiert. Das sind die Informationen, die das Verfahren nicht liefert.
Und für alle, die das System als Zumutung empfinden: Es hat sich in den letzten fünfzehn Jahren dreimal geändert. Es wird sich wieder ändern. Was bleibt, ist ein Land, in dem der Weg zum Abitur über die Realschule so gut ausgebaut ist, dass die Entscheidung in Klasse 4 weniger endgültig ist als in jedem anderen Bundesland. Das ist der beste Trost, den Baden-Württemberg zu bieten hat, und er ist kein schlechter.
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