Gemeinschaftsschule: Wie sie funktioniert und für wen sie passt
Gemeinschaftsschule klingt nach einem Wort aus einem Parteiprogramm, und tatsächlich ist die Schulform in Baden-Württemberg 2012 mit erheblichem politischem Getöse eingeführt worden. Seitdem gibt es dort rund 300 davon, dazu Gemeinschaftsschulen in Schleswig-Holstein, im Saarland, in Thüringen und Berlin, jeweils mit eigenen Regeln. Viele Eltern, die vor der Anmeldung stehen, wissen nicht recht, was sie da vor sich haben. Eine Gesamtschule? Eine Hauptschule mit neuem Namen? Beides trifft es nicht.
Die Grundidee
Die Gemeinschaftsschule nimmt alle Kinder nach der Grundschule auf, unabhängig von der Empfehlung, und unterrichtet sie in einer Klasse, während jedes Kind auf dem Niveau lernt, das zu ihm passt. In Baden-Württemberg heißen diese Niveaus G, M und E, für grundlegend, mittel und erweitert, und sie entsprechen den Anforderungen von Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Der Unterschied zur Gesamtschule liegt in der Organisation: Die Gesamtschule sortiert ab Klasse 7 in getrennte Kurse. Die Gemeinschaftsschule hält die Klasse als Lerngruppe zusammen und differenziert innerhalb des Raums, mit Lernmaterial auf drei Niveaus, individuellen Lernplänen und wöchentlichen Coaching-Gesprächen.
Das ist anspruchsvoll für alle Beteiligten. Eine Lehrkraft, die in einer Klasse gleichzeitig Kinder auf Hauptschul- und Gymnasialniveau in Mathematik betreut, braucht andere Methoden als Frontalunterricht, und die Schulen arbeiten deshalb mit Lernbüros, Wochenplänen, Kompetenzrastern und viel selbstorganisiertem Lernen. Wo das gut funktioniert, entstehen Schulen mit bemerkenswerter Atmosphäre. Wo es nicht gelingt, sieht der Alltag nach Arbeitsblättern und Selbstbeschäftigung aus. Die Spannweite zwischen einzelnen Gemeinschaftsschulen ist groß, größer als bei jeder anderen Schulform, und genau deshalb lohnt hier der Blick auf die einzelne Schule mehr als überall sonst.
Noten, Abschlüsse, Oberstufe
Viele Gemeinschaftsschulen verzichten in den unteren Klassen auf Ziffernnoten und arbeiten stattdessen mit Lernentwicklungsberichten, die beschreiben, was ein Kind kann und woran es arbeitet. Noten gibt es auf Wunsch der Eltern oder spätestens in den Abschlussklassen. Für manche Familien ist das eine Befreiung, für andere eine Verunsicherung, weil sie nicht wissen, wo ihr Kind steht. Fragen Sie nach, wie die Schule Eltern über den Leistungsstand informiert, und ob man Noten zusätzlich bekommen kann.
Die Abschlüsse sind dieselben wie überall: Hauptschulabschluss nach Klasse 9, mittlerer Abschluss nach Klasse 10, jeweils mit den zentralen Prüfungen des Landes. Für das Abitur gibt es zwei Wege. Einige Gemeinschaftsschulen haben eine eigene Oberstufe, dort führt der Weg in dreizehn Jahren zum Abitur. Die meisten haben keine, ihre Schüler wechseln nach Klasse 10 auf ein berufliches Gymnasium oder in die Oberstufe eines allgemeinbildenden Gymnasiums. Dieser Übergang ist in Baden-Württemberg gut ausgebaut, der Anteil der Abiturienten aus beruflichen Gymnasien ist dort höher als in jedem anderen Land. Trotzdem sollten Sie das früh klären: Wohin gehen die Zehntklässler dieser Schule tatsächlich, wie viele machen später Abitur, und wie werden sie auf den Wechsel vorbereitet?
Ganztag als Teil des Konzepts
In Baden-Württemberg ist die Gemeinschaftsschule verpflichtende Ganztagsschule an mindestens drei Tagen. Das gehört zum Modell, weil das differenzierte Lernen Zeit braucht und Übungsphasen in den Schultag gehören. Hausaufgaben im klassischen Sinn gibt es an vielen Gemeinschaftsschulen kaum noch. Für berufstätige Eltern ist das ein handfester Vorteil, für Kinder mit zeitintensiven Hobbys, Musikschule oder Leistungssport kann der verpflichtende Nachmittag zum Problem werden. Fragen Sie, wie flexibel die Schule mit solchen Fällen umgeht.
Für wen die Gemeinschaftsschule passt
Ich würde drei Gruppen nennen. Kinder, deren Entwicklung in Klasse 4 noch offen ist und deren Eltern die Entscheidung über den Abschluss aufschieben wollen, ohne die Schule wechseln zu müssen. Kinder, die von Frontalunterricht wenig haben, die gern selbstständig arbeiten, ihr Tempo selbst bestimmen und mit einem Wochenplan gut zurechtkommen. Und Familien, denen ein bestimmtes pädagogisches Klima wichtig ist: gemeinsames Lernen, weniger Konkurrenz, enge Begleitung durch Lerncoaches.
Weniger gut passt sie für Kinder, die klare Vorgaben brauchen, um ins Arbeiten zu kommen, die bei viel Freiheit eher treiben als steuern. Das selbstorganisierte Lernen setzt ein Maß an Selbststeuerung voraus, das nicht jeder Zehnjährige hat, und gute Gemeinschaftsschulen wissen das und bauen Strukturen dafür. Weniger gute überlassen die Kinder sich selbst. Der Unterschied zeigt sich im Unterricht, nicht im Prospekt.
Woran Sie eine gute Gemeinschaftsschule erkennen
Gehen Sie hin, an einem normalen Schultag, wenn die Schule das erlaubt, und schauen Sie in eine Lernzeit. Arbeiten die Kinder, oder beschäftigen sie sich? Kommt eine Lehrkraft in zwanzig Minuten bei den meisten Kindern vorbei, oder sitzt sie am Pult? Wie sehen die Lernmaterialien aus, sind es durchdachte Aufgabenpakete oder kopierte Arbeitsblätter? Fragen Sie nach der Fluktuation im Kollegium, denn dieses Konzept steht und fällt mit Lehrkräften, die es tragen wollen, und an Schulen, die überwiegend mit abgeordneten Lehrkräften arbeiten, die lieber woanders wären, funktioniert es selten. Fragen Sie nach den Abschlusszahlen der letzten drei Jahre und danach, wohin die Schüler danach gegangen sind. Und fragen Sie, wie die Schule mit einem Kind umgeht, das im E-Niveau nicht mitkommt, oder mit einem, das im G-Niveau unterfordert ist.
Und lesen Sie, was Eltern berichten, deren Kinder dort sind. Bei kaum einer Schulform sagen Erfahrungsberichte anderer Familien so viel über die Realität wie bei der Gemeinschaftsschule, weil das Konzept so stark von der Umsetzung abhängt. Die Abgrenzung zur klassischen Gesamtschule und zum Gymnasium finden Sie im Ratgeber Gesamtschule oder Gymnasium, die grundsätzliche Schulformfrage im Ratgeber Gymnasium oder Realschule.
Die drei häufigsten Einwände, und was an ihnen ist
Mein Kind hat eine Gymnasialempfehlung und wird dort unterfordert. Das ist der häufigste Einwand, und er ist berechtigt, wenn die Schule das E-Niveau nur auf dem Papier führt. An guten Gemeinschaftsschulen lernen E-Kinder mit Material, das dem Gymnasium entspricht, und bekommen in den Coaching-Gesprächen eigene Ziele. Fragen Sie, wie viele Kinder im E-Niveau die Schule aktuell hat und wohin diese nach Klasse 10 gegangen sind. Wenn die Antwort lautet, die meisten aufs berufliche Gymnasium mit anschließendem Abitur, ist der Einwand entkräftet. Wenn die Schule ausweicht, nicht.
Ohne Noten weiß ich nicht, wo mein Kind steht. Das ist eine echte Sorge, und die Lernentwicklungsberichte sind für viele Eltern zunächst ungewohnt. Ein guter Bericht sagt allerdings mehr als eine Drei, weil er beschreibt, was das Kind kann und woran es arbeitet. Nach dem zweiten Bericht wissen die meisten Eltern sehr genau, wo ihr Kind steht, oft genauer als vorher.
Nach Klasse 10 muss es sowieso wechseln. Stimmt an den meisten Gemeinschaftsschulen, und der Wechsel auf ein berufliches Gymnasium in Klasse 11 ist in Baden-Württemberg ein eingespielter Weg, den jedes Jahr Tausende gehen. Er ist eine Umstellung, aber eine, auf die die Schulen vorbereiten, und für Sechzehnjährige ist ein Wechsel etwas anderes als für Zehnjährige.
Ein Wort zur Politik
Die Gemeinschaftsschule ist in Baden-Württemberg seit ihrer Einführung ein Politikum, und Eltern bekommen das zu spüren: Es gibt Gemeinden, in denen die Schulform mit großem Engagement getragen wird, und andere, in denen sie als Verlegenheitslösung für die frühere Hauptschule gilt und entsprechend ausgestattet ist. Lassen Sie sich von beiden Erzählungen nicht leiten. Es gibt hervorragende und es gibt schwache Gemeinschaftsschulen, so wie es hervorragende und schwache Gymnasien gibt. Die Frage ist immer dieselbe, sie lautet nur hier etwas dringlicher: Wie gut ist die konkrete Schule, an der Ihr Kind sechs Jahre verbringen würde?
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