Hochbegabung erkennen: Anzeichen, Tests und was die Schule tun kann
Die Erzieherin sagt, das Kind stelle Fragen, auf die sie keine Antwort habe. Die Großmutter sagt, es habe mit vier gelesen. Die Klassenlehrerin sagt, es störe, träume, verweigere die Aufgaben und rede dazwischen. Drei Beschreibungen desselben Kindes, und keine davon ist falsch. Hochbegabung sieht im Alltag oft nicht so aus, wie Eltern es erwarten, und der Weg von der Vermutung zur Gewissheit ist länger, als er sein müsste.
Was Hochbegabung ist
Der Begriff ist enger definiert, als der Alltagsgebrauch vermuten lässt. Als hochbegabt gilt in der Psychologie, wer in einem standardisierten Intelligenztest einen Wert von 130 oder mehr erreicht, das sind statistisch etwa zwei Prozent aller Kinder, eines auf fünfzig, also in einer Grundschule mit 200 Kindern vier. Die Definition ist eine Konvention, keine Naturgrenze; ein Kind mit 128 unterscheidet sich von einem mit 131 nicht messbar, und in den Bereich zwischen 115 und 130, in dem rund 14 Prozent liegen, fallen viele Kinder, die im Unterricht unterfordert sind, ohne die formale Grenze zu erreichen. Für die Frage, was ein Kind braucht, ist die Zahl weniger wichtig als das, was sie erklärt.
Hochbegabung ist außerdem nicht das, was Eltern manchmal darunter verstehen: kein Garant für gute Noten, kein früher Zugang zur Universität, keine Verpflichtung zur Karriere. Sie ist eine Fähigkeit, schneller und tiefer zu denken, Zusammenhänge zu sehen, Regeln zu durchschauen. Was ein Kind daraus macht, hängt an tausend anderen Dingen.
Wie sie sich zeigt, und wie nicht
Bei manchen Kindern sieht man sie sofort. Sie lesen mit vier, rechnen mit fünf im Hunderterraum, stellen Fragen nach dem Tod, dem Universum und der Gerechtigkeit, bevor sie in die Schule kommen, haben ein Gedächtnis, das Erwachsene erschreckt, und einen Wortschatz, der aus einem anderen Jahrgang stammt. Diese Kinder fallen positiv auf, und ihre Eltern hören von der Kita früh, dass da etwas ist.
Bei anderen sieht man sie nicht, oder man sieht das Gegenteil. Ein Kind, das in der ersten Klasse Buchstaben lernen soll, die es seit drei Jahren kennt, langweilt sich, und Langeweile bei Kindern sieht aus wie Störung: Dazwischenreden, Aufstehen, Clownerie, Verweigerung, Träumen. Oder es passt sich an, macht mit, schreibt Zweien und Dreien, weil es die Aufgaben für unwichtig hält und Flüchtigkeitsfehler macht, und niemand kommt auf die Idee, dass dieses unauffällige Kind unterfordert sein könnte. Mädchen tun das besonders häufig. Dieses Phänomen, in der Fachwelt als Underachievement bekannt, ist der Grund, warum ein erheblicher Teil der hochbegabten Kinder nie erkannt wird. Wer ein Kind hat, das zu Hause klug und in der Schule schwierig ist, sollte diese Möglichkeit mitdenken, ohne sie sofort für die Erklärung zu halten. Störung im Unterricht hat viele Ursachen, und ADHS und Hochbegabung sehen sich im Klassenraum manchmal zum Verwechseln ähnlich, kommen auch zusammen vor, und brauchen verschiedene Antworten.
Testen: wann, wo, warum
Ein Intelligenztest ist sinnvoll, wenn er eine Frage beantwortet, die für das Kind Folgen hat. Ob es eine Klasse überspringen soll. Ob die Schule Enrichment-Angebote macht, für die man einen Nachweis braucht. Ob die Verhaltensauffälligkeiten im Unterricht mit Unterforderung zu tun haben oder mit etwas anderem. Ein Test aus Neugier oder als Bestätigung elterlicher Vermutungen bringt wenig und kann einem Kind einen Stempel aufdrücken, den es nicht gewollt hat.
Getestet wird von Schulpsychologen, die in allen Bundesländern kostenlos beraten und bei Bedarf testen, mit Wartezeiten von Wochen bis Monaten; von niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychologen, wo der Test meist privat bezahlt wird, mit 200 bis 500 Euro; oder von Beratungsstellen der Hochbegabtenvereine, etwa der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind, die regionale Anlaufstellen haben. Sinnvoll ist ein Test nicht vor fünf, sechs Jahren, weil die Ergebnisse bei Jüngeren stark schwanken, und er sollte von jemandem durchgeführt werden, der das Ergebnis mit den Eltern und der Schule bespricht, nicht nur eine Zahl liefert. Ein guter Testbericht enthält mehr als den Gesamtwert: das Profil der Stärken und Schwächen, Beobachtungen zum Arbeitsverhalten, Empfehlungen für die Schule. Dieses Profil ist oft aufschlussreicher als die Zahl, und es macht den Bericht zu etwas, mit dem Lehrkräfte arbeiten können.
Was die Schule tun kann
Alle Bundesländer verpflichten ihre Schulen zur individuellen Förderung, und die schließt begabte Kinder ausdrücklich ein. Was das konkret heißt, unterscheidet sich enorm. Die einfachste Form ist Differenzierung im Unterricht: schwierigere Aufgaben, Zusatzmaterial, Projekte, das Recht, eine Aufgabe zu überspringen, die man beherrscht. Enrichment heißt, dass Kinder zusätzliche Angebote bekommen, Arbeitsgemeinschaften, Wettbewerbe wie Mathematik-Olympiade oder Jugend forscht, Kinderuni, Drehtürmodelle, bei denen ein Kind stundenweise den Unterricht verlässt und an eigenen Projekten arbeitet. Akzeleration heißt, dass ein Kind schneller durchs System geht: frühere Einschulung, Überspringen einer Klasse, Teilnahme am Unterricht höherer Jahrgänge in einzelnen Fächern.
Das Überspringen ist die Maßnahme, die Eltern am häufigsten erwägen und am häufigsten fürchten. Die Forschung dazu ist ziemlich klar: Für Kinder, die kognitiv deutlich voraus sind und sozial stabil, funktioniert es in den allermeisten Fällen gut, und die Sorge um die sozialen Folgen erweist sich meist als unbegründet; ein Kind, das sich in seiner Klasse ohnehin fremd fühlt, weil es dort niemanden hat, der wie es denkt, verliert durch den Sprung wenig. Schwieriger wird es bei Kindern, deren Reife nicht mit ihrem Denken Schritt hält, und bei Kindern, die den Sprung nicht selbst wollen. Die Entscheidung trifft die Schule auf Antrag der Eltern, meist nach einer Probephase, und sie lässt sich zurücknehmen.
Spezielle Schulen und Klassen
In einigen Städten gibt es Gymnasien mit Hochbegabtenzweigen, Begabtenklassen, in denen der Stoff verdichtet wird und Projekte den Alltag prägen, und wenige Internate mit diesem Schwerpunkt. Sie sind für einen kleinen Teil der Kinder die richtige Lösung: für die, die im normalen Unterricht dauerhaft leiden und Gleichgesinnte brauchen. Für die meisten hochbegabten Kinder ist eine normale Schule mit einer aufgeschlossenen Lehrkraft und ein paar Enrichment-Angeboten die bessere Umgebung, weil sie lernen, mit Menschen zu leben, die anders denken. Ob eine Schule Begabung ernst nimmt, sieht man nicht an ihrer Website. Man sieht es daran, wie sie auf die Frage reagiert, was sie mit einem Kind macht, das den Stoff schon kann. Fragen Sie genau das, und lesen Sie, was andere Eltern über den Umgang der Schule mit besonderen Kindern berichten.
Was zu Hause zählt
Hochbegabte Kinder brauchen zu Hause nichts Besonderes, und das ist die wichtigste Nachricht dieses Textes. Sie brauchen Eltern, die ihre Fragen ernst nehmen und nicht alle beantworten, die Bücher, Museen, Werkzeug und Zeit bereitstellen und keine Förderpläne, die das Kind als Kind sehen und nicht als Projekt. Was sie beschädigt, ist der Druck, ihre Begabung beweisen zu müssen. Ein hochbegabtes Kind, das lernt, dass es nur geliebt wird, wenn es glänzt, entwickelt eine Angst vor dem Scheitern, die es lähmt, sobald es auf etwas trifft, das ihm nicht leicht fällt. Und das passiert spätestens in der Oberstufe.
Die drei Erwachsenen vom Anfang, die Erzieherin, die Großmutter, die Lehrerin, sehen alle richtig. Das Kind, das zu viel fragt, früh liest und im Unterricht stört, ist eines, das mehr Stoff braucht, nicht weniger, und dem im Klassenraum die Luft ausgeht. Die Aufgabe der Eltern ist, das herauszufinden, bevor das Kind gelernt hat, sich anzupassen oder aufzugeben. Und dann eine Schule zu finden, die versteht, dass ein Kind, das alles kann, trotzdem Hilfe braucht.
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