Förderschule: Wann ist sie der richtige Weg? Wann nicht?
Wenn Eltern zum ersten Mal das Wort "Förderschule" in einem Gutachten lesen, erschrecken sie meist. Es klingt nach Abstellgleis, nach Sonderschule, nach einem Weg, der irgendwo endet - aber nicht in einem normalen Leben. Dieses Bild stammt aus einer vergangenen Zeit und hat dennoch einen wahren Kern, der Eltern bei der Entscheidungsfindung helfen kann. Denn die Frage, ob die Förderschule der richtige Weg ist, lässt sich nicht allgemein beantworten. Sie hat eine Antwort für jedes Kind, und diese fällt sehr unterschiedlich aus.
Was Förderschulen wirklich sind
Förderschulen - in manchen Ländern auch Förderzentren, sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren oder Schulen mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt genannt - unterrichten Kinder mit festgestelltem sonderpädagogischem Förderbedarf in kleinen Klassen mit acht bis zwölf Kindern. Die Lehrkräfte sind sonderpädagogisch ausgebildet und die Ausstattung ist auf den jeweiligen Schwerpunkt zugeschnitten. Es gibt sie für alle acht Förderschwerpunkte: Lernen, Sprache, emotionale und soziale Entwicklung, geistige Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung, Hören und Sehen sowie Kranke. Eine Schule für Sehbehinderte hat andere Räume, Lehrkräfte und Ziele als eine Schule für Kinder mit Lernschwierigkeiten. Wer über Förderschulen spricht, sollte deshalb wissen, welche er meint.
Rund vier Prozent aller Schüler in Deutschland besuchen eine Förderschule, mit sinkender Tendenz, seit die Inklusion Regelschulen geöffnet hat. Wie das Nebeneinander beider Systeme funktioniert, beschreibt der Ratgeber Inklusion in der Regelschule. Die Bundesländer gehen dabei sehr verschiedene Wege. So haben Bremen und Schleswig-Holstein die Förderschulen für den Schwerpunkt Lernen fast vollständig aufgelöst, während Bayern und Baden-Württemberg ein breites Netz aufrechterhalten. In den meisten Ländern haben Eltern ein Wahlrecht zwischen beiden Wegen, sofern die Regelschule die Voraussetzungen erfüllen kann.
Was der wahre Kern der Sorge ist
Der wahre Kern liegt bei den Abschlüssen. Schüler, die eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen oder geistige Entwicklung besuchen, werden zieldifferent unterrichtet und erwerben in der Regel einen Förderschulabschluss oder einen Abschluss im Bildungsgang Lernen. Dieser entspricht nicht dem Hauptschulabschluss. Der Übergang in eine reguläre Ausbildung ist damit schwieriger. Häufig führt der Weg über berufsvorbereitende Maßnahmen, Werkstätten oder speziell begleitete Ausbildungen. Viele Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen bieten inzwischen den Hauptschulabschluss über eine zusätzliche Klasse 10 an. Das sollten Eltern ausdrücklich erfragen. Für alle anderen Förderschwerpunkte gilt das nicht: Kinder an Schulen für Hören, Sehen, Sprache oder körperliche Entwicklung werden zielgleich unterrichtet, nach dem regulären Lehrplan. Sie machen dort dieselben Abschlüsse wie an jeder anderen Schule, bis hin zum Abitur, das an einigen dieser Schulen möglich ist.
Die Sorge, auf dem Abstellgleis zu landen, ist bei den Förderschwerpunkten Lernen und geistige Entwicklung also berechtigt - sofern man unter "Abstellgleis" andere Abschlüsse versteht. Bei den übrigen Schwerpunkten ist sie weitgehend unbegründet. In beiden Fällen ist sie jedoch nur die halbe Wahrheit, denn entscheidend ist nicht, welcher Abschluss möglich wäre, sondern welcher für dieses Kind erreichbar ist und wo er erreicht wird.
Wann die Förderschule der richtige Weg ist
Wir möchten drei Situationen nennen, in denen Eltern die Förderschule ernsthaft in Erwägung ziehen sollten, auch wenn dies ihrem eigenen Bild widerspricht.
Die erste: Das Kind ist in der Regelschule dauerhaft überfordert, nicht am Stoff allein, sondern an der Situation. Es sitzt in einer Klasse von 26, versteht den Unterricht nicht, bekommt drei Stunden Förderung pro Woche, gilt bei den Mitschülern als das Kind, das nichts kann, und kommt jeden Tag mit weniger Selbstwert nach Hause. Die Inklusion ist hier nicht gescheitert, weil die Idee falsch wäre, sondern weil die Ausstattung fehlt, und das Kind zahlt dafür. In einer Förderschulklasse mit neun Kindern, in der es zu den Mittleren gehört, kann dasselbe Kind aufblühen.
Die zweite: Das Kind hat einen Bedarf, für den die Regelschule keine Kompetenz hat. Eine Schule für Hörgeschädigte hat Lehrkräfte, die Gebärdensprache können, Technik in jedem Raum, eine Hörgeräteakustik im Haus, Mitschüler mit derselben Erfahrung. Eine Regelschule mit einem hörgeschädigten Kind hat, mit Glück, eine Höranlage und eine Förderlehrkraft mit vier Stunden. Für manche Kinder ist die Fachschule in der Grundschulzeit der bessere Ort, mit dem Ziel, später in die Regelschule zu wechseln.
Die dritte: Das Kind braucht Schutz. Kinder mit ausgeprägten Angststörungen, mit Traumatisierung, mit schweren Störungen der emotionalen Entwicklung erleben eine große Regelschule als Bedrohung, und die Förderschule mit ihrem engen Rahmen, den wenigen Bezugspersonen und der Ruhe ist für sie ein Ort, an dem Lernen überhaupt erst möglich wird.
Wann sie es nicht ist
Wenn die Regelschule vor Ort tatsächlich gut ausgestattet ist, beispielsweise mit Doppelbesetzung, fester Förderlehrkraft und Erfahrung im entsprechenden Schwerpunktbereich, dann lernen Kinder mit Förderbedarf dort im Durchschnitt mehr. Das ist der Forschungsstand. Wenn das Kind sozial gut eingebunden ist, Freunde hat und gerne zur Schule geht, ist das ein Wert, den man nicht gegen ein paar Punkte in Mathematik eintauschen sollte. Wenn die Empfehlung für die Förderschule aus dem Bedürfnis der Regelschule kommt, ein anstrengendes Kind loszuwerden, und nicht dem Bedarf des Kindes entspricht, sollten Eltern das erkennen und nicht mitspielen. Wenn der Förderschwerpunkt Lernen im Raum steht, das Kind aber Chancen auf einen regulären Abschluss hat, sollte man alles versuchen, um es im zielgleichen Unterricht zu halten - mit Nachteilsausgleich, Förderung und gegebenenfalls einer Schulbegleitung.
Wie Sie entscheiden
Besuchen Sie mit Ihrem Kind an normalen Tagen sowohl die Förderschule als auch die Regelschule. Fragen Sie an der Förderschule nach den Abschlüssen der letzten Jahrgänge und danach, wohin die Schüler im Anschluss gegangen sind. Fragen Sie nach der Rückschulung: Wie viele Kinder wechseln von hier an eine Regelschule und wie wird das vorbereitet? An der Regelschule fragen Sie nach den Förderstunden, nach der Erfahrung mit dem Schwerpunkt und danach, was passiert, wenn die Förderlehrkraft ausfällt. Hören Sie auf Ihr Kind, das oft sehr genau spürt, wo es hingehört. Lesen Sie außerdem Erfahrungsberichte und Schulbewertungen von Eltern mit Förderkindern auf unserer Seite. Die Berichte umfassen Förderschulen ebenso wie Regelschulen und gerade bei diesem Thema erzählen die Eltern Dinge, die in Broschüren verschwiegen werden.
Der Förderort und die Zukunft danach
Für viele Eltern ist die Frage, was nach der Förderschule kommt, von entscheidender Bedeutung. Die Antwort hängt wiederum vom Schwerpunkt ab. Absolventen der Förderschwerpunkte Hören, Sehen, Sprache und Körper gehen dieselben Wege wie alle anderen: Sie absolvieren eine Ausbildung, besuchen berufliche Schulen oder studieren. Für den Förderschwerpunkt Lernen gibt es ein eigenes Netz: Es gibt Berufsvorbereitungsjahre und Fachpraktikerausbildungen mit reduziertem Theorieanteil, die von den Kammern anerkannt sind. Zudem gibt es Unterstützung durch die Agentur für Arbeit über Reha-Berater, die schon in der Abschlussklasse einsteigen. Absolventen des Förderschwerpunkts „geistige Entwicklung“ gehen oft in Werkstätten für Menschen mit Behinderung oder, zunehmend, über das Budget für Arbeit in begleitete Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Fragen Sie die Förderschule konkret, welche Übergänge sie begleitet und wie viele ihrer Absolventen in den letzten Jahren eine Ausbildung begonnen haben. Gute Förderschulen haben darauf Antworten mit Zahlen.
Der Weg ist keine Einbahnstraße
Das ist vielleicht am wichtigsten. Eine Entscheidung für die Förderschule gilt nicht bis zum Ende der Schulzeit. Der Förderbedarf wird in der Regel alle zwei Jahre überprüft. Ein Wechsel an die Regelschule ist möglich, wenn die Entwicklung es zulässt. Gute Förderschulen arbeiten aktiv darauf hin und begleiten den Übergang. Umgekehrt kann ein Kind, das in der Regelschule nicht zurechtkommt, später an eine Förderschule wechseln. Viele Familien gehen diesen Weg erst, nachdem der erste gescheitert ist. Beides ist keine Niederlage. Es ist die Suche nach dem Ort, an dem ein Kind lernen kann, und diese Suche darf mehrere Anläufe brauchen.
Das Wort im Gutachten ist also weniger ein Urteil als eine Option. Für manche Kinder ist es die richtige, für andere die falsche. Man sollte sie mit offenen Augen prüfen, statt sie aus Angst vor einem längst überholten Bild abzulehnen.
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