RatgeberSchulalltag

Lese-Rechtschreib-Schwäche: Erkennen, diagnostizieren, richtig fördern

Das Kind ist klug. Es erzählt Geschichten, die die Erwachsenen zum Lachen bringen, es merkt sich, was vor drei Wochen gesagt wurde, es baut, rechnet, erklärt. Und dann liest es vor, stockend, Silbe für Silbe, verliert die Zeile, rät das Wort statt es zu lesen. Das Diktat kommt zurück mit siebzehn Fehlern, darunter dreimal dasselbe Wort auf drei verschiedene Arten. Die Lehrerin sagt, es müsse mehr üben. Die Eltern üben. Es wird nicht besser. Wer diese Szene kennt, sollte weiterlesen, denn sie beschreibt, wie sich eine Lese-Rechtschreib-Schwäche in den meisten Familien zum ersten Mal zeigt: als Rätsel, warum ein kluges Kind etwas nicht kann, das die anderen scheinbar mühelos lernen.

Was eine Lese-Rechtschreib-Schwäche ist

Die Fachwelt unterscheidet zwei Dinge, die im Alltag oft vermischt werden. Die Lese-Rechtschreib-Störung, häufig Legasthenie genannt, ist eine in den Diagnosesystemen der Medizin beschriebene Entwicklungsstörung. Die Betroffenen haben trotz normaler Intelligenz, normaler Sinne und normalem Unterricht erhebliche, anhaltende Schwierigkeiten, Lesen und Schreiben zu lernen. Die Ursache liegt in der Verarbeitung von Sprache im Gehirn, vor allem in der Fähigkeit, Laute zu unterscheiden und Buchstaben zuzuordnen; sie ist zu einem erheblichen Teil erblich und hat nichts mit Faulheit, Intelligenz oder Erziehung zu tun. Je nach Definition sind etwa vier bis acht Prozent aller Kinder betroffen, Jungen etwas häufiger als Mädchen. In jeder Klasse sitzt also statistisch mindestens ein Kind mit einer echten Störung.

Daneben gibt es die Lese-Rechtschreib-Schwäche im weiteren Sinn: Kinder, die aus anderen Gründen hinterherhinken, wegen verpasstem Unterricht, zu wenig Übung, einer anderen Erstsprache, einer Hörschwäche, die niemand bemerkt hat. Diese Schwäche ist aufholbar. Die Störung ist es in dem Sinne nicht, sie begleitet ein Kind sein Leben lang, wird aber mit der richtigen Förderung so gut kompensiert, dass sie kaum noch auffällt. Die Unterscheidung ist wichtig, weil sie über Förderung, Nachteilsausgleich und den Umgang entscheidet.

Woran Eltern es erkennen

Erste Hinweise gibt es schon vor der Schule: Kinder, die spät sprechen, die Reime nicht erkennen, die Schwierigkeiten haben, Wörter in Silben zu klatschen oder den Anfangslaut eines Wortes zu hören, tragen ein erhöhtes Risiko. In der ersten Klasse fällt auf, dass die Buchstaben-Laut-Zuordnung nicht sitzt, dass ähnliche Buchstaben verwechselt werden, b und d, m und n, dass das Kind Wörter rät statt sie zu erlesen. In Klasse 2 und 3 wird es deutlicher: sehr langsames, stockendes Lesen, wenig Verständnis des Gelesenen, weil alle Kraft ins Entziffern geht, Rechtschreibfehler in großer Zahl und ohne System, dasselbe Wort mal richtig, mal falsch, ausgelassene oder vertauschte Buchstaben, Schwierigkeiten mit der Groß- und Kleinschreibung, mit Dehnung und Schärfung.

Und dann die Zeichen, die nichts mit Buchstaben zu tun haben: Das Kind vermeidet alles, was mit Lesen zu tun hat. Es hat Bauchschmerzen vor Diktaten. Es sagt, es sei dumm. Diese Sätze sollten Eltern ernster nehmen als jede Fehlerzahl, denn sie zeigen, dass das Kind sich mit dem Problem allein fühlt und es sich selbst zuschreibt. Das ist der Schaden, den eine unerkannte LRS anrichtet, und er ist größer als der Schaden durch die Fehler selbst.

Der Weg zur Diagnose

Sprechen Sie zuerst mit der Klassenleitung, die den Vergleich zur Altersgruppe hat und in vielen Ländern selbst standardisierte Tests durchführen kann. Lassen Sie beim Kinderarzt Sehen und Hören prüfen, denn eine unerkannte Hörschwäche oder eine Fehlsichtigkeit erzeugen ein sehr ähnliches Bild. Die eigentliche Diagnose einer Lese-Rechtschreib-Störung stellen Kinder- und Jugendpsychiater, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten oder Schulpsychologen; sie besteht aus einem Intelligenztest und standardisierten Lese- und Rechtschreibtests, deren Ergebnisse deutlich unter dem liegen müssen, was nach Alter und Begabung zu erwarten wäre. Der Schulpsychologische Dienst des Landes ist kostenlos und oft der schnellste Weg. Bei den Praxen sind die Wartezeiten lang, also früh anmelden.

Eine Diagnose ist kein Stempel. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass das Kind bekommt, was ihm zusteht, und sie nimmt einer Familie die Last, ständig zwischen Verdacht und Vorwurf zu schwanken. Kinder reagieren auf die Diagnose fast immer erleichtert, weil sie endlich einen Namen haben für das, was sie längst gespürt haben, und weil dieser Name nicht dumm heißt.

Nachteilsausgleich und Notenschutz

Alle Bundesländer haben Regelungen für Kinder mit LRS, und sie unterscheiden zwei Dinge. Der Nachteilsausgleich verändert die Bedingungen, nicht die Bewertung: mehr Zeit bei Klassenarbeiten, meist ein Viertel bis ein Drittel zusätzlich, vergrößerte Arbeitsblätter, Vorlesen der Aufgabenstellung, Verzicht auf Vorlesen vor der Klasse, mündliche statt schriftlicher Leistungen, Nutzung eines Laptops mit Rechtschreibprüfung. Der Notenschutz verändert die Bewertung: Die Rechtschreibleistung wird in bestimmten Fächern nicht oder nur eingeschränkt benotet, das Diktat zählt nicht, in Fremdsprachen wird die Rechtschreibung milder gewichtet. Notenschutz wird in vielen Ländern im Zeugnis vermerkt, Nachteilsausgleich nicht.

Beantragt wird beides bei der Schule, meist formlos durch die Eltern, in einigen Ländern mit ärztlichem oder psychologischem Gutachten, in anderen reicht die Feststellung durch die Schule. Die Regeln sind in jedem Land anders und ändern sich, und die Klassenleitung oder die Beratungslehrkraft der Schule kennt den aktuellen Stand. Was Sie wissen sollten: Der Anspruch besteht. Eine Schule, die sagt, so etwas mache man hier nicht, irrt. Bleiben Sie freundlich, aber beharrlich, und ziehen Sie im Zweifel die Schulaufsicht hinzu.

Was wirklich fördert, und was nicht

Mehr vom Gleichen hilft nicht. Ein Kind mit LRS lernt nicht durch zehn Diktate statt fünf, es lernt durch eine andere Art des Lernens. Wirksam ist eine gezielte, strukturierte Förderung, die bei den Lauten beginnt, Buchstaben-Laut-Zuordnungen systematisch aufbaut, Regeln explizit macht und in kleinen Schritten mit viel Wiederholung vorgeht. Solche Förderung gibt es an manchen Schulen als LRS-Förderunterricht, außerhalb der Schule bei Lerntherapeutinnen, die auf LRS spezialisiert sind. Die Kosten der außerschulischen Lerntherapie tragen in der Regel die Eltern, in bestimmten Fällen übernimmt sie das Jugendamt als Eingliederungshilfe, wenn eine seelische Beeinträchtigung droht; der Weg dahin ist aufwendig, aber er existiert, und Beratungsstellen wie der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie helfen dabei.

Zu Hause können Eltern vor allem eines tun: den Druck rausnehmen. Vorlesen, auch wenn das Kind schon in der vierten Klasse ist, weil es die Freude an Geschichten erhält, die das eigene Lesen ihm gerade nimmt. Hörbücher als vollwertigen Zugang zu Literatur behandeln. Rechtschreibung im Alltag nicht kommentieren, außer das Kind fragt. Und die Stärken sichtbar machen, denn Kinder mit LRS sind oft in anderen Bereichen weit voraus und hören darüber zu wenig.

Die lange Sicht

Eine LRS ist kein Bildungshindernis, wenn sie erkannt und begleitet wird. Menschen mit Legasthenie machen Abitur, studieren, schreiben Bücher, und die Rechtschreibprüfung im Textprogramm hat den Alltag der Erwachsenen mit LRS verändert wie kaum eine andere Technik. Was ein Kind braucht, ist die Diagnose, den Nachteilsausgleich, gute Förderung, und Erwachsene, die aufhören, ihm etwas vorzuwerfen, das es nicht ändern kann.

Und die Schule spielt dabei eine Rolle, die größer ist, als viele Eltern denken. Es gibt Schulen, in denen LRS selbstverständlich ist, mit geschulten Lehrkräften, festen Abläufen für den Nachteilsausgleich, eigenem Förderunterricht. Und es gibt Schulen, in denen Eltern jeden Antrag neu erkämpfen. Wenn Sie vor einer Schulwahl stehen, fragen Sie danach, und lesen Sie in den Erfahrungsberichten auf Schulerfahrung.com, wie andere Familien den Umgang der Schule mit Förderbedarf erlebt haben. Es ist eines der Themen, bei dem die Unterschiede zwischen zwei Schulen derselben Stadt am größten sind. Was Hausaufgaben für Kinder mit LRS bedeuten und wie man sie entlastet, beschreibt der Ratgeber Hausaufgaben ohne Stress.

Zurück zu dem klugen Kind mit den siebzehn Fehlern. Es ist nicht faul, es hat nicht zu wenig geübt, und es wird nicht durch mehr Diktate besser. Es braucht jemanden, der genau hinschaut, und dann die richtige Art Hilfe. Das Erste können Sie sofort tun.

Wie ist die Schule vor Ort wirklich?

Finde deine Schule und lies echte, verifizierte Erfahrungen von Eltern und Schülern.

Schule finden